Predigt am Reformationstag in der Leonberger Stadtkirche (31. Oktober 2024)
Predigttext: Römer 3,21–24
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
Liebe Reformationsfestgemeinde,
Warum gedenken wir hier und heute der Reformation? Warum? Weil wir interessiert sind an der Geschichte? Weil wir „Protestantische Identität“ pflegen wollen? Nein.
Wir gedenken heute der Reformation, weil wir voller Sehnsucht sind. Wir sehnen uns danach, einen Windhauch zu spüren von dem Orkan der die Reformation war. Ja, wie sehnen uns danach, ein klein wenig Kraft zu spüren, von der explosiven Dynamik, die Europa damals in Aufruhr versetzte. Und heute, heute 2024, sehnen wir uns etwas nach dem Mut, nach der Chuzpe und der Unverfrorenheit, mit der Martin Luther vor etwas mehr als 500 Jahren vor Kaiser, Reich und Papstum sagte: Hier stehe ich! Wir sehnen uns, etwas, nur ein klein wenig von der Begeisterung zu spüren, die die Reformation in Windeseile sich verbreiten ließ, ja, sie zur mitreißenden Massenbewegung machte. Eine Prise der Kraft, nur ein Stückchen von dem Mut, ein Hauch von diesem Sturm, nur ein klein wenig dieser Freude, das wäre schon gut. Diese Sehnsucht hat uns heute hier zusammengebracht.
Dies alles wäre schon gut, für uns, die wir erschöpft und ausgelaugt in diesen Winter gehen. Für uns, die wir gekränkt auf die Mitgliederentwicklung schauen. Für uns, die wir gehetzt sind von den vielen gleichzeitig uns bedrängenden politischen Krisen und wirtschaftlichen Unwägbarkeiten. Ein klein wenig, das wäre schon gut, angesichts der Beschwernisse, die hier jeder für sich, sie und wir alle, auf den Nachtseiten des persönlichen Lebens zu tragen und zu ertragen hat. Wir alle tragen und ertragen – die einen mehr, die anderen weniger.
Entdeckerinnen und Entdecker der Freude der Reformation sollen wir heute abend sein. Sehnsüchtige Entdecker, indem wir uns durch einen Text aus dem Römerbrief an eine so skandalöse wie befreiende Einsicht erinnern lassen. Nicht umsonst war der Römerbrief einer der wichtigen neutestamentlichen Texte Martin Luthers.
Der Predigttext steht in diesem Brief des Paulus, dem 3. Kapitel, in den Versen 21–24.
21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.
22 Ich rede aber von solcher Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die da glauben.
23 Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten,
24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.
Zu einer Gerechtigkeit aus Gnade, einer ganz besonderen Freiheit sind wir durch Christus befreit! Entlastet von einem Joch – ohne Zutun des Gesetzes. Im „ohne“ steckt die Freiheit. Aufgerichtet. gewürdigt, erhoben. Die Gerechtigkeit und Freiheit des Evangeliums ist eine Freiheit, mit der wir nicht geboren werden. Es ist eine im wahrsten Sinne des Wortes gewonnene, eine begeisterte und begeisternde Freiheit. Es ist eine gekommene und kommende.
Doch wovon und wozu werden die Christen und die Protestanten im Besonderen befreit? Was heißt hier Gerechtigkeit ohne? Ohne was? Was sollen wir los werden? Was ist die Entdeckung des Paulus, die Entdeckung Martin Luthers, die damals und heute zu provozieren und zu begeistern vermag?
Gegen alle Einsichten und Intuitionen des gesunden religiösen Menschenverstandes und gegen vieles, was die Menschen außerhalb und innerhalb der Kirchen von Religion erwarten, erklärt Martin Luther mit dem Apostel Paulus – und mit Jesus… etwas ganz erstaunliches, in der Tat unerhörtes.
Die religionstolerante liberale Öffentlichkeit wie auch ihr religiösen Verteidiger wollen uns weiß machen, Religionen seien gut, weil sie uns alle irgendwie besser machen. Und auch der christliche Glaube, ja, das ist irgendwie ein Programm zur moralischen Besserung. Ein Programm der Motivationssteigerung zur Mitarbeit an einer besseren Welt. Von Nicole Heinrich bis Kirsten Fehrs, wer denkt nicht alles so. Auch ich lasse mich manchmal dazu verführen, so zu denken.
Und Luther und Paulus, und Jesus?
Martin Luthers freudig explosive Entdeckung war: Nein! Christus befreit uns nicht von unseren schlechten Werken, sondern von unseren guten Werken. Christus befreit uns von unseren besten Taten. Von unseren Heldentaten. Von all dem, worauf wir mit so manchen guten Gründen stolz sind und sein dürfen. Christus befreit uns von unseren tugendhaften, den richtig richtigen Taten.
Er befreit uns von unseren Taten der Gerechtigkeit. In der Tat von dem, von dem was heilig, gut und gerecht ist. Denn darum geht es im Gesetz. Nicht um die Straßenverkehrsordnung, sondern um das was lebenswichtig ist. Um das was grundlegend ist. Und darum heilig, gerecht und gut. Es geht um die Menschenrechte, die Schonung der Umwelt und die Bewahrung des Friedens. Christus befreit nicht von den Untaten, sondern von den großen, den notwendigen, den unbedingt notwendigen Taten, bei denen es um das Ganze, um das unbedingt Richtige geht. Denn das ist das Gesetz. Hier hinein bricht das „ohne“.
Glauben heißt zuerst und zumeist, lassen. Ohne, alles ohne. Unterlassen der guten Taten. Ist dies befreiend – oder kränkend? Ist dies Anlaß zur Freude oder zur Sorge? Ist dies ein Trost oder der Weg in die Verantwortungslosigkeit? Ist dies die Heiligsprechung der Schlamper? So mancher fragte in der Vergangenheit und so mancher mag auch in der Gegenwart fragen: Ist diese Freiheit nicht geradezu anarchisch, fahrlässig, ja gefährlich – in einer Welt, die an so vielen Stellen in unheilvoller Weise in Unordnung ist? In einer Welt, die unsere mutigen, großen und entschlossenen Taten braucht? Gibt es nicht vieles unbedingt zu tun? Dringend, ohne zu zögern, voller Ernst und Entschlossenheit? Wer auch nur oberflächlich Zeitung liest und Nachrichten schaut, wird dies nicht bezweifeln wollen. Öffentliche, private und kirchliche To-Do-Listen stehen uns mahnend, auffordernd und oft auch anklagend vor Augen. Nur Optimierungen können uns retten.
Martin Luther sagt, dass Paulus sagt und Paulus sagt, dass Jesus sagt: Nein. Mit dem Lassen fängt alles an. Mit dem ohne. Was auch immer noch kommt, mit dem Lassen fängt alles an. Zumindest, wenn die Christen sich auf Christus beziehen. Zumindest dann, wenn wir in Gottes Gnade leben. Wenn wir mit uns so gnädig umgehen, wie Jesus es tut. Zumindest dann, wenn Protestanten noch Protestanten sein wollen und nicht schon längst anonyme Katholiken geworden sind, die nicht mehr zu feiern vermögen, was uns trennt. Übrigens, sie haben richtig gehört: Wer nicht mehr das Trennende freudig feiern kann, sollte katholisch werden.
Um die jesuanische, die evangelische Freude und Freiheit, natürlich auch die wahrhaft ökumenische Freude und Freiheit zu erfassen, lohnt es sich, als Protestant auf einen ihrer scharfen Kritiker zu hören: Der am kommenden Dienstag seinen 93sten Geburtstag feiernde große katholische kanadische Philosoph Charles Taylor hat mit einem großartigen und einprägsamen Bild die Reformation kritisiert. Ich bin mir sicher, Sie werden es nie mehr vergessen. Es enthält, versteckt unter dem Gegenteil der Kritik, den reformatorischen, den paulinischen und letztlich auch den Jesuanischen Grund der Freude. Es enthält, so hoffe ich, Ihre und meine Reformationsfreude.
Charles Taylor erklärt mit Blick auf die Reformation kritisch: Die Reformation hat, mit Martin Luther und Johannes Calvin, das Christentum der zwei Geschwindigkeiten zerstört. Das Christentum der zwei Geschwindigkeiten wurde zerstört. So der Vorwurf.
Die Christen waren über Jahrhunderte in zwei Gruppen unterwegs. Sie waren in ihrem spirituellen und moralischen Fortkommen mit zwei Geschwindigkeiten unterwegs. Hier die Menschen in den Klöstern, die schnelleren, die den Widrigkeiten des Alltags entkommen sind. Dort die gemeinen Leute, die im wortwörtlichen Sinn im Morast des Alltags leben. Hier die Vorbilder, dort die, die irgendwie ein bisschen nacheifern. Hier die, die eben schneller sich bewegen, spirituell und moralisch schon weiter gekommen sind in Richtung Reich Gottes, in Richtung Gerechtigkeit, himmlische Welt und Rettung der Erde. Die, die das moralisch perfekte Leben anstreben. Dort die Langsamen, die sich in den mehr als „50 shades of gray“ des moralischen Alltags verstricken, die, die an den Nachtseiten des Lebens, an den moralischen Idealen einfach scheitern. Kennen Sie diese Menschen? Wenn nein, fragen Sie die Polizistin oder die Krankenschwester Ihres Vertrauens nach der letzten Nachtschicht.
Hier die nur männlichen Mittler der wahren Gottesgegenwart, dort die Menschen ohne Zeit für die spirituellen und moralischen Sonderinitiativen. Eben die Menschen, die dann auch noch gestresst sind durch die unerfüllbaren religiösen Regeln – von den veganen Pausenbroten bis zu Solarpanels. Hier die Alpakawollpulliträger und dort die Prolos mit der Fleeceweste von Primark. Hier die Lastenfahrradfahrer und dort die erschöpften Paketausträger. Hier die radikal Entschlossenene, die Erfolgreichen in Sachen zukunftsweisendes Leben und die Leistungsträgerinnen bei den lebensbewahrenden Gesetzen der Zeit. Dort die Kompromissler, die Zweifler, die notorisch Scheiternden, die kaum etwas auf die Reihe bekommen. Hier die mit dem mal eher theologischen mal eher moralischen Putzfimmel, die mit der ökomoralisch sauberen Weste und der sprachklempnerisch polierten Sprache, dort die, die neben dem Job einen Arztbesuch für den kranken Vater und auch noch für das kranke Kind organisieren müssen und obendrein oft viel zu magisch glauben. Hier die, für die das Christsein im Außeralltäglichen des Events stattfindet, dort die, die die meiste Zeit der Woche und auch noch sonntags woanders feststecken.
Ja, hier die moralisch Heiligen, die sich ihre Heiligkeit durch die Dauerempörung über das Unrecht dieser Welt selbst bescheinigen. Dort die anderen, die Alltagschristen, auf die von den Heiligen ein milder Blick der Verachtung fällt. Und das Problem unserer Kirche, unserer Politik und unserer Gesellschaft ist: Die anderen, die dort drüben, die spüren dies, diese Verachtung.
Charles Taylor sagt: Was für eine großartige Arbeitsteilung zum Vorteil beider. Dies kann und muß man aufnehmen. Vielleicht muß man es verfeiner, aber es ist eine großartige Lösung für beide Gruppen. Die Schnellen entlasten die Langsamen. Die Langsamen haben Vorbilder. Die Langsamen halten die andern nicht auf und die Schnellen setzen die Langsamen nicht unter Druck. Wunderbar.
Die Reformation sagt: Nein. Und nochmals Nein. Hier stehe ich und kann nicht anders. Die Gerechtigkeit kommt nicht aus den besten Taten der Schnellen, der perfekter Lebenden.
Die Alltagschristen sind die Heiligen. Und sie werden es nicht erst, sie sind es schon. Sie alle. Wir, hier und heute abend. Hier in Leonberg und anderswo. Die vermeintlich Schnelleren, die sind Raser. Sie sind Angeber, Poser. Sie sind solche, die ihr Scheitern verbergen. Wer das Gesetz erfüllen will, muß es ganz erfüllen und wird scheitern. Und sich in Doppelbödigkeit verstricken. Und andere Menschen für die eigene Veredelung mißbrauchen. So Paulus. Damals wie heute. Es sind die Raser, die letztlich sich selbst am meisten lieben. Es sind solche, die sich noch nicht von ihrem Narzismus befreien ließen. Die befreiende Wahrheit ist: Wir sind alle langsam – und dürfen es sein. Die Heiligen sind die Alltagschristen, mit allen Licht- und Schattenseiten. Sie sind die von Jesus gewürdigten. Denen viel verheißen ist.
Wir sollen, wir brauchen und wir dürfen keine Perfektionisten sein, weder spirituell noch moralisch. Wir dürfen riskieren und scheitern – und schuldig werden. Wir leben in der Barmherzigkeit Jesu. Um im Bild Charles Taylors zu bleiben: Protestanten sind keine SUV-Fahrer, keine Raser, aber auch keine Bummler. Es sind Fahrradfahrer. Sie sind vom Geist Gottes gerade so schnell bewegt, dass sie nicht umfallen. Als Alltagsmenschen sind sie Alltagschristen und genau so die Heiligen. So leben sie in der Gnade, der immer wieder kommenden Gerechtigkeit. Sie freuen sich am „ohne“. Jeden Tag.
Das hat Folgen. In der Gnade lebend, können sie gnädig mit sich umgehen. In der Gnade lebend, können sie gnädig mit anderen umgehen.
Und: Sie sind auch beglückend untätig. Natürlich muß es auch den untätigen Glauben geben. Hoffentlich! Ohne den untätigen gibt es nicht den tätigen. Wie sonst sollten Menschen Gott loben? Wir feiern hier gemeinsam. Sehnsüchtig, hoffend, hörend – ganz und gar untätig. Reformatorisch untätig. Ohne Untätigkeit können die Erschöpften keinen Trost empfangen. Untätig lassen wir uns trösten und ermutigen. Untätig feiern wir Gottes Gegenwart im Geist – in jedem Gottesdienst. Das „Ohne“ feiernd atmen wir auf für das Alltagschristentum.
In Freiheit lassen und lieben. Protestanten akzeptieren Gottes Protest gegen die Raser. Deshalb sind sie Protestanten. Lassen und lieben. Die Langsamkeit hat Vorteile für das Lieben. Die langsamen Radler sehen, wer so alles erschöpft am Wegrand sitzt. Sie sehen, wer im Straßengraben liegt. Weil sie so langsam unterwegs sind, sehen sie so manche Not, die nur die Langsamen sehen. So manches fällt nur den Langsamen auf – nicht den moralischen SUV-Fahrern.
Aus diesem Glauben wächst, so die Überzeugung Martin Luthers wie die des Paulus, eine Liebe, die mit der Freude vergeschwistert ist und bleibt. Diese Liebe der langesamen Fahrradfahrer kann auch in großen Fragen den Kompromiß suchen und das Fragment wagen. Als von Christus befreite wagen sie auch freudig der Bitterkeit zu widerstehen – dieser mächtigen Versuchung unserer Zeit. Darum feiern sie. Darum lassen sie sich vom Geist Gottes – um ein altes Wort zu gebrauchen – erquicken. Darum feiern wir heute abend. Darum glauben wir tastend, lieben im Fragment und hoffen. Darum feiern wir und verbreiten wir eine weit ausstrahlende Freiheit. Als langsame Fahrradfahrer. Ohne, tatsächlich ohne.
In einer Welt in Aufruhr, warten wir, so Paulus an anderer Stelle, warten wir im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muß – weil wir als Befreite, auch freudig und tätig Wartende sein können. Wir bleiben Bettler, wie Martin Luther sagen kann. Wir bleiben Fahrradfahrer.
Selbstverständlich sorgen sich auch die Langsamen um die Menschenrechte in einer komplizierten Welt. Es sorgen sich auch die Langsamen um Frieden in einer Welt, in der wir noch auf die Erlösung von dem Bösen warten. Auch die Langsamen arbeiten gegen die Verwüstung der Erde – mitten in den Konflikten der Interessen, mitten in Dummheit und Gier. Wir lassen und wir lieben – und hoffen stets auch auf die umfassende, kommende Gerechtigkeit Gottes für diese leiddurchsetzte Welt. Erquickt vom Geist Gottes. Als frohe Protestanten, die vielleicht doch einen erfrischenden Windhauch von dem Orkan spüren. Ein Hauch, den man nur auf dem Fahrrad spüren kann, nicht im SUV.
Wir leben – und dies ist die Brücke zum anschließenden Gespräch über die Barmer theologische Erklärung – wir leben in all dem nicht in der Abenddämmerung, sondern in der Morgendämmerung der neuen Welt Gottes. Als langsame und fröhliche Fahrradfahrer wissen wir: Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber ist nahe herbeigekommen (Röm 13,12).

