Ostermorgen im Advent

Ostermorgen Im Advent

Predigt über Lukas 21, 25–33 am 2. Advent im Ulmer Münster (7. Dezember 2025)

Prälatin i.R. Gabriele Wulz


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
Und die Liebe Gottes
Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
Sei mit uns allen.
Amen

Liebe Gemeinde, wir wollen das gute Ende und den schönen Abschied.
Denn wenn am Ende alles gut ist, dann ist auch das, was gewesen ist, irgendwie gut.
Im Rückblick verlieren sich die Höhen und Tiefen, die Rückschläge und die Enttäuschungen. Und wenn Durststrecken im Nachhinein überstanden sind, dann lässt sich auch das Scheitern einsortieren. Es gehört dann einfach dazu.

Wir wollen das gute Ende, den schönen Abschied.
„Entfernung“ – so hat es Walter Benjamin einmal gesagt – „dringt wie Farbstoff in den Verschwindenden und durchtränkt ihn mit sanfter Glut.“
Im sanften Licht der untergehenden Sonne verschwimmen die Konturen. Das Harte wird weich. Das Ungelöste verliert seine Bedrohung. Das Unaufgeräumte wird schön.
Und doch reicht mir ein solch gutes Ende nicht.
Es reicht nicht, im Abschied alles für versöhnt zu erklären oder zu empfinden.
Wir alle sind wohl mal zur Theologie, zur Bibel, zur Kirche gekommen, weil wir mehr wollten.
Mehr Trost. Anderen Trost.
Trost, der auch Klage ist und vor allem Bitte: O Heiland, reiß die Himmel auf! Oder auch: „Ach, dass du doch den Himmel zerrissest und führest herab…“

In dieser Welt voller Schrecken und Angst suchen wir nicht nach Beschwichtigung, sondern sehnen uns nach Worten, nach Bildern, die über das hinausreichen, was ist. Kurz: Wir suchen Trost, den wir uns selbst nicht geben können.

Der Predigttext für den 2. Advent bringt heute beides zur Sprache: Angst und Schrecken, aber eben auch die Gewissheit der Erlösung.
Das mag nicht so recht in die erwartete adventliche Stimmung passen, ist aber so viel ehrlicher als aller Zuckerguss, den es nicht nur auf Weihnachtsmärkten im Moment reichlich zu genießen gibt.

Ich lese aus dem 21. Kapitel des Lukasevangeliums die Verse 25–33

Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an; wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist. So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

Am 2. Advent heben wir unsere Augen – und sehen, wovor wir am liebsten die Augen verschließen würden.
Wir sehen Angst und Schrecken, Zeichen am Himmel. Wir sehen Kräfte, die alles ins Wanken bringen, was uns einmal Sicherheit versprach. Und wir hören die Verheißung Jesu: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“

Weil Seine Worte nicht vergehen, liebe Gemeinde, tauchen wir nicht ab. Richten uns auch nicht ein. Sondern bleiben unruhig. Bleiben erwartungsvoll. Schauen genau hin.
Weil seine Worte nicht vergehen, hören wir nicht auf, auf den zu warten und zu hoffen, der kommt, der kommen will, der kommen wird.

Liebe Gemeinde,
die Zeichen der Zeit erkennen und verstehen, darum geht es Jesus in dieser endzeitlich gestimmten Rede. Und darum erzählt er das Gleichnis vom Feigenbaum:
Jedes Kind in Israel, in Palästina weiß: Wenn die Feigenbäume ausschlagen, dann kommt der Sommer. Und der Sommer ist Erntezeit und steht für das Ende der Welt. Und ebenso für das Gericht, das kommt.
Genauso wissen wir: Wenn überall diese runden Tannenkränze verkauft werden, dann ist bald Weihnachten und Gott kommt in diese Welt. Als Kind in der Krippe.

Feigenbäume und Adventskränze – so unterschiedlich sie auch aussehen – haben doch eines gemeinsam: Sie funktionieren als Zeitansage.
Ach was, werden jetzt vielleicht denken. Auch Feigenbäume sind doch nur Bäume. Sie blühen jedes Jahr, und jedes Jahr bringen sie Frucht. So wie auch wir jedes Jahr am Adventskranz die Kerzen entzünden: 1, 2, 3, 4 – und wieder bleibt alles beim Alten.

Das ist in gewisser Weise richtig, und doch nicht ganz. Denn sowohl Feigenbaum wie auch Adventskranz verweisen mitten in unserer Zeit auf das Ende. Auf das Ende aller Not. Denn Gott kommt. Er zerreißt den Himmel. Er kommt in diese Welt. Er führt uns „mit starker Hand vom Elend zu dem Vaterland.“

Liebe Gemeinde,
das Gleichnis Jesu sagt uns:
So sicher wie der Feigenbaum, der jetzt noch kahl und dürr seine Zweige in den Himmel streckt, wieder Blätter und Früchte tragen wird, so gewiss kommt die Erlösung. Deshalb: Seht auf! Und steht auf!
Und deshalb: Hört auf zu maulen und zu meckern. Hört auf zu jammern und zu klagen. Hört auf, euch gegenseitig Vorwürfe zu machen.
Seht weiter, seht mehr …

Am Feigenbaum, liebe Gemeinde, sollen wir ein Gleichnis lernen. Inmitten des Chaos und des Schreckens sollen wir nicht den Kopf verlieren, auch nicht den Glauben und erst recht nicht die Hoffnung.

Inmitten des unüberschaubaren Gewimmels sollen wir wissen: es lohnt sich, die Augen aufzumachen.
Es lohnt sich, sich zu engagieren.
In der Hilfe für andere. Im Einsatz für den Nächsten und den Fernsten.
Es lohnt, den eigenen Blick am Feigenbaum zu schulen. Es lohnt sich, das Verborgene zu entdecken und das in Vergessenheit Geratene zu erinnern. Es lohnt sich, aus den Verheißungen Gottes zu leben.

Liebe Gemeinde,
wenn wir uns in Selbstmitleid einrichten wollen und wenn wir uns aus lauter Verzagtheit heraus keinen Schritt mehr trauen, dann, ja dann ist es allerhöchste Zeit rauszugehen … Beherzt, hinter sich zu lassen, was gewesen ist, und den Blick zu heben.
Hinaus ins Freie … Und sich mal wieder die Bäume anschauen. Die kahlen Äste genauer betrachten und die Knospen entdecken, die sie schon längst angesetzt haben.

Winterzeit, liebe Gemeinde, ist nicht tote Zeit. Sie ist Zeit der Erwartung.
Wenn scheinbar nichts passiert und alles auf Stillstand eingestellt ist, dann erheben wir die Häupter, machen die Augen auf … Und erkennen: Auch diese Zeit ist Zeit, die dem Herrn entgegengeht.

Denn wir glauben an den Gott, der uns noch einmal überraschen wird.
Gott wird diese geschundene Schöpfung erneuern und die zerbrochenen Menschenherzen heilen.
Alles vergeht, das ist wahr. Aber es bleibt die Verheißung: Meine Worte, meine Verheißungen vergehen nicht. Sie bleiben. In Ewigkeit.

Das ist der Trost, der mehr ist als ein „gutes Ende“ und ein schöner Abschied.
Das ist nichts anderes, liebe Gemeinde, als Ostermorgen im Advent.
Amen

 

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