Die Geschichte vom sogenannten ›ungläubigen‹ Thomas

Pfarrer Dr Hans Gerd Krabbe Die Geschichte Vom Sogenannten ›ungläubigen‹ Thomas

Pfarrer Dr. Hans-Gerd Krabbe

Predigt über Johannes 20,19–29
am Sonntag Quasimodogeniti 2026 in Renchen

Predigttext: Johannes 20,19–29

»Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, da kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: ›Friede sei mit euch!‹ Und als Er das gesagt hatte, zeigte Er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: ›Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.‹ … Thomas aber, einer der Zwölf, der Zwilling genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten die andern Jünger zu ihm: ›Wir haben den Herrn gesehen.‹ Er aber sprach zu ihnen: ›Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, so kann ich’s nicht glauben.‹ Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: ›Friede sei mit euch!‹ Danach spricht er zu Thomas: ›Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!‹ Thomas antwortete und sprach zu ihm: ›Mein Herr und mein Gott!‹ Spricht Jesus zu ihm: ›Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und dennoch glauben!‹«

Von GOTT geliebte Mitchristen!

Hätte dieser Thomas nicht gezweifelt, wäre er nicht so hartnäckig gewesen, hätte er nicht Beweise gefordert: Wohl kein Mensch würde heutzutage noch von ihm reden. Aber weil er nicht blindlings glauben konnte und wollte, was er da an Unglaublichem von seinen Mitjüngern zu hören bekam, deshalb wurde er so bekannt – und deshalb handelte er sich diese letztlich so gar nicht zutreffende Bezeichnung vom ›ungläubigen Thomas‹ ein.

Wir wissen, was geschehen war: Fast alle Jünger waren längst geflohen, als römische Soldaten ihren Jesus im Auftrag von Pontius Pilatus kreuzigten. Die Jünger hatten sich zurückgezogen, hatten sich verbarrikadiert: aus lauter Angst, es könnte ihnen ähnlich ergehen wie ihrem Herrn. Die Angst, ebenso gekreuzigt zu werden, führte sie hinter verschlossene Türen – bis dass der auferweckte Christus selbst ihr Gefängnis sprengte und in ihre Mitte trat. »Friede sei mit euch!«, so lauteten seine ersten Worte.

Am Abend des Ostertages war Er zu ihnen gekommen. »Thomas aber war nicht bei ihnen.« Warum nur war er nicht bei den übrigen zehn Jüngern? Liegt ein Grund darin, dass der zum Zweifeln und Grübeln neigende Thomas nur noch für sich allein sein wollte? Sich ausheulen wollte? Sich todunglücklich fühlte und sich selbst am liebsten vergraben hätte? Nichts mehr hören, nicht mehr sehen, nichts mehr sagen? – Wer kann es dem Thomas denn nicht nachfühlen, war für ihn mit der Kreuzigung Jesu doch seine Welt zusammengebrochen.

Die zehn Jünger aber, die lassen ihren Thomas nicht allein, die lassen ihn nicht hängen, die ziehen los und suchen ihn, bis sie ihn gefunden haben: nachdem der auferweckte Christus ihnen erschienen war. Unmöglich können sie den Thomas in seinem seelischen Loch weiter vor sich hinbrüten lassen. Sie müssen es ihm schnellstens erzählen, was ihnen widerfahren ist. Und so sprudelt es aus ihnen heraus, ihre Worte überschlagen sich: ›Horch, Thomas, stell dir das vor: Da kam Er doch einfach durch die Tür, die wir verschlossen und verriegelt hatten und sorgfältig im Auge behielten. Da stand Er auf einmal mitten vor uns! Vor lauter Schreck zuckten wir zusammen, standen wie angewurzelt da. Vor lauter Scham hätten wir im Erdboden versinken wollen, schließlich haben wir alle Ihn ja im Stich gelassen! Feiglinge waren wir, Angsthasen! Aber Er: Er sah jeden von uns an, nicht etwa vorwurfsvoll, nein, sondern liebevoll. Er schaute jedem von uns in die Augen und sagte dann: »Friede sei mit euch!« – Das war Vergebung, so ist Versöhnung, Thomas! Kannst du dir vorstellen, dass Er über unseren Verrat einfach so hinwegging? Und dann zeigte Er uns seine Wunden, seine Nägelmale. Du, wir haben ihn angefasst, ihn berührt! Wir trauten unseren Augen und Ohren nicht. Wir haben seine Stimme gehört. Mensch, Er lebt!‹

Da bricht es aus dem Thomas heraus, seine ganze Verzweiflung: ›Aber ich bin nicht dabei gewesen! An so etwas, was ihr da erzählt, kann man doch nicht glauben! Seid ihr denn völlig übergeschnappt, völlig verrückt geworden? Ihr seht Hirngespinste, ihr träumt!‹ – Thomas versteht die Welt nicht mehr, nun schon gar nicht mehr. ›Ich weiß, wovon ich rede. Ihr könnt mir viel erzählen! Von wegen: auferweckt, von wegen: Er lebt! Bevor ich nicht mit meinen eigenen Augen seine Nägelmale gesehen habe, bevor ich nicht meine eigenen Hände in seine Wundmale gelegt habe: da kann und will ich es nicht glauben! Ich glaube nur, was ich sehe!‹

Thomas will das Unbegreifliche begreifen, das Unfassbare fassen, das Unvorstellbare verstehen. Das Wort der Jünger reicht ihm nicht. Mit irgendwelchem frommen Gerede kann er nichts anfangen, er will es ganz genau wissen. Thomas stellt Bedingungen, liebe Leute: Er fordert Beweise! Das, was die Jünger da behaupten, das kann doch kein normaler Mensch glauben. Und so bezweifelt Thomas das, was er da hört, und macht sich in einem Sarkasmus sogar lustig darüber: ›Ihr spinnt doch vollkommen!‹

Dieser Thomas, der zusammen mit Simon Petrus und dem Verräter Judas Ischarioth zu den bekanntesten Jüngern Jesu gehört – dieser Thomas gilt wohl als besonderes Beispiel für alle Menschen, die sich nicht so leicht tun mit einem blinden Vertrauen zu GOTT, die sich schwer tun mit dem blinden Glauben an den unsichtbaren, verborgenen GOTT. Thomas mag für all die Menschen stehen, die ihren Verstand eben nicht ausschalten, wenn es um Glaubensdinge geht – Thomas mag für die Zweifler stehen, für die Skeptiker und Kritiker, für all die Menschen, denen das Wort: »Herr, ich will ja glauben, aber hilf mir gegen meinen Unglauben!« (Mk 9,24) näher ist als das feste, schier unerschütterliche Bekenntnis zu dem lebendigen GOTT.

Eine Woche später, da erscheint der auferweckte Christus ein zweites Mal. Diesmal geht es dem Thomas so, als müsste er am liebsten sofort im Erdboden versinken. Er erschrickt fast zu Tode, so wirft es ihn um, als Christus ihm gegenübersteht und sagt: »Friede sei mit dir!« – ›Friede sei mit dir, der du zweifelst, der du nicht für möglich hältst, dass Ich auferweckt bin und lebe! Friede sei mit dir, der du Beweise forderst, wo es keine Beweise gibt und wo auch Beweise dich keinen Deut weiterbringen würden. Friede sei mit dir, der du in deinem Denken gefangen bist, in deinen Vorurteilen, in deiner Verlegenheit und Unsicherheit, der du gefangen bist in deinem eigenen Verstand und in deinem Unglauben!‹

Christus tadelt einen Thomas nicht. Er verurteilt ihn auch nicht, Er kritisiert auch nicht den Zweifel, aber Er geht darauf ein. Christus erkennt einfach an, dass der Zweifel des Thomas berechtigt ist. Christus sieht, wie unmöglich es dem Thomas ist, seine Zweifel in sich selbst zum Schweigen zu bringen – aber Christus sagt schließlich auch: ›Lieber Thomas, mit deinem bloßen Sehen und mit deinem Fühlen allein ist es auch nicht getan, das reicht nicht, das hilft dir letztlich nicht weiter! Wer sieht, der muss noch längst nicht glauben – und wer Beweise fordert, der verbaut sich möglicherweise gar den Weg zum Glauben!‹

Christus geht also auf seinen Thomas ein, so sehr, dass Er ihn schließlich zur Nagelprobe herausfordert: »Lege deine Finger in meine Seite!« – Das allerdings ist für den Thomas zu viel. All seine Zweifel und Bedenken sacken schlagartig in sich zusammen – wie auch er selbst. Er fällt auf die Knie und kann nur noch stammeln: »Mein Herr und mein Gott!«

Hier spricht nicht mehr der distanzierte, der abgeklärte, der kühle Vernunftmensch – hier spricht auch nicht mehr der Verstandeskopf, der Beweise fordert, der Bedingungen stellt und sich dann auch noch vorbehält, ob er zuletzt glauben kann und glauben will oder nicht. Nein, hier spricht einer, der völlig überwältigt ist und der fassungslos erkennt, dass Beweise nicht zum Glauben führen. Der vormalige Zweifler, ausgerechnet er, bekennt: »Mein Herr und mein GOTT!«

›Rühr mich an!‹, fordert Jesus den Thomas auf. Ein Jesus zum Anfassen, ein Jesus zum Vorzeigen: Das wäre es doch! Dann müssten alle Skeptiker endlich zugeben, dass es GOTT gibt, dass der Glaube an IHN keine Einbildung ist, keine ›Fata Morgana‹. Mit den eigenen Händen greifen, mit den eigenen Augen sehen, mit den eigenen Ohren hören, diesen auferweckten Christus – das wäre es doch.

Ob Thomas diese günstige Gelegenheit letztlich genutzt hat oder nicht, auch wenn darüber im Evangelium nichts notiert wird – ich bezweifle es, zu überwältigt dürfte er davon gewesen sein, dass Christus leibhaftig ihm erschienen ist. Thomas fällt auf die Knie, wird kleinlaut, ganz kleinlaut. In sein Schweigen hinein sagte Jesus schließlich: »Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Glückselig aber sind die, die nicht sehen«, die keine Beweise fordern, »und die trotzdem glauben«, die Gott dennoch vertrauen. Darum: »Sei nicht ungläubig, sondern gläubig!«

Das sitzt. Das sind Worte, die auch mir gelten: mir Vernunftmenschen, kopflastig, wie ich bin, naturwissenschaftlich geschult, von mir selbst und meinem Verstand überzeugt. Christus tadelt und verurteilt nicht, auch nicht den, der behauptet: ›Ich glaube nur, was ich sehe.‹ Aber Christus macht unmissverständlich deutlich, dass Glaube eben doch etwas grundlegend Anderes ist als bloßes Sehen und Begreifen, dass Glaube mein Sehen, meinen Verstand, meine Wahrnehmung bei Weitem übersteigt. Ich muss nicht erst sehen, ich muss nicht erst alles kapiert haben, ich muss nicht bei allem den kompletten Durchblick haben, um dann vielleicht irgendwann einmal zu glauben. Nein, ich sollte weniger mit den Augen sehen wollen als vielmehr mit dem Herzen – gilt doch: »Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!« (St. Exupéry).

›Sei nicht länger ungläubig, sondern werde gläubig‹, lädt Christus dich und mich ein. ›Wag es doch, vertraue mir. Verlass dich nicht ausschließlich und allein auf deinen Verstand, auf das, was du siehst, verlass dich nicht auf Beweise, die ja letztlich nichts beweisen können. Verlass dich auf mich, deinen Herrn. Entdecke mich in dieser Welt, in deinen Mitmenschen und gerade auch in dir selbst. Spuren gibt es genug, Hinweise auch. Vertrau dich mir an, lebe in meinem Sinne, lass dich tragen von meinem Frieden: »Friede sei mit dir!«‹

Amen.

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