Predigt von Gottfried Claß zu Trinitatis
über 4. Mose 6,22–27
Predigttext: „22 Und der Herr redete mit Mose und sprach: 23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: 24 Der Herr segne dich und behüte dich; 25 der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 26 der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. 27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“
Liebe Gemeinde, was ist das Geheimnis dieser Segensworte? Warum gehen viele Menschen in den Gottesdienst, um am Ende gesegnet zu werden? Dazu eine Begebenheit: Frau B. erscheint nach dem Gottesdienst in der Sakristei. „Ich habe seit vielen Jahren keine Kirche mehr von innen gesehen“, sprudelt es aus ihr heraus, „aber heute ist mir die Verzweiflung bis zum Hals gestanden, und da bin ich einfach den Glocken gefolgt und habe die Kirche aufgesucht. Ehrlich gesagt, wohl gefühlt habe ich mich zunächst gar nicht, alles war mir so fremd und ungewohnt. Auch von der Predigt habe ich leider wenig verstanden. Ich war wohl zu sehr mit mir selber beschäftigt. Aber da, ganz am Schluss, als Sie mit erhobenen Händen am Altar stehen, da sagen sie etwas, was mich wie ein Lichtblitz getroffen hat. Auf einmal ist ein ganz tiefer Friede in mich eingekehrt. Das Gefühl, dass mir ja doch eigentlich nichts passieren kann. So etwas habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr erlebt. Schreiben Sie mir bitte die Worte auf – es war etwas mit einem leuchtenden Angesicht. Ich habe dabei an den Erzengel Michael denken müssen, als ich Sie so habe stehen sehen.“ Hier wird deutlich: Dem Segen wohnt eine existentielle Kraft inne. Seine Worte können Menschen in der Tiefe berühren. Um sein Geheimnis weiter zu ergründen, gehen wir für einen Moment an seinen Ursprungsort zurück.
(1) Der Ursprungsort des aaronitischen Segens
Dieser Ort ist die Wüste. Genauer gesagt, die Wüste des Sinai-Gebirges. Wenn man in den Sinai fährt, kann man den Mose-Berg besteigen. Die meisten Pilger gehen noch bei Dunkelheit los und wandern zu Fuß zum Gipfel, oder lassen sich auf dem Rücken von Kamelen die engen steilen Pfade hinauftragen. Und dann oben angekommen wohnt man einem faszinierenden Naturschauspiel bei. Es ist mehr als ein Sonnenaufgang – eine Welt tut sich auf. Ein grandioses Panorama mit Bergen und Gipfeln ringsum, so schön, dass es schmerzt. Unwillkürlich drängt sich einem der Gedanke an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, auf. So überwältigend der Blick von oben ist, – unten sieht alles ganz anders aus. Stell dir vor, du wärst hier in der Wüste ausgesetzt, ohne Smartphone und Navi, ohne Vorräte und klares Ziel – du wärst verloren. Doch genau in dieser Lage befand sich die kleine Schar hebräischer Sklaven, die wie durch ein Wunder ihren ägyptischen Herren entkommen waren. Nun sind sie in der Wüste gestrandet. Kaum Wasser, kaum Vegetation, kalte Nächte, brennende Hitze am Tag. Wo sollen sie bleiben? 40 Jahre, so erzählt die Bibel, irren sie durch die Wüste. Ausgerechnet dort werden ihnen zum ersten Mal diese Segensworte zugesprochen. Sofort wird klar: Dieser Segen ist nicht das Sahnehäubchen obendrauf, er ist das, was zum Überleben hilft. Was uns durchkommen lässt durch all die Wüstenwege, die Tage und Nächte, die uns so viel Kraft abverlangen. Er ist das, was uns daran glauben lässt, dass es doch ein Ziel gibt, auch wenn noch so weit weg erscheint.
(2) Gott selbst ist es, der uns im Segen berührt
Der Predigttext beginnt etwas merkwürdig. 22 Und der Herr redete mit Mose und sprach: 23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet. Eine regelrechte Befehlskette wird da in Gang gesetzt. Von Gott kommt der Auftrag an Mose. Der soll diesen an Aaron und seine Söhne weitergeben. Die dann ihrerseits zu den Israeliten sprechen sollen. Mit Nachdruck wird herausgestellt, dass die Erstinstanz Gott ganz eng mit allen Zwischeninstanzen verschränkt ist. Warum? Um klarzumachen: Gott ist und bleibt der eigentliche Akteur, auch wenn er Menschen mit einbezieht, um sein Volk zu segnen. Und wie viele menschliche Zwischeninstanzen hat es seit den Tagen von Mose und Aaron gegeben, bis diese Segensworte uns zugesprochen werden! Aber das ist das Wunder: Kein anderer als Gott selbst berührt uns in diesen uralten Segensworten. Denn Gott hat sich an diese biblischen Worte gebunden. Dem entspricht die besondere Sprachform. Segen ist mehr als ein Wunsch. Segen ist auch mehr als die Bitte um Gottes Segen. Wenn im Gottesdienst der aaronitische Segen zugesprochen wird, dann entfalten diese Worte ihre Wirkkraft. Dann ereignet sich, was hier im Segen ausgesprochen wird: dass Gott sich uns zuwendet.
(3) Gott blickt uns im Segen voller Freundlichkeit an
Lassen wir die Segensworte selbst nochmals auf uns wirken: 24 Der Herr segne dich und behüte dich; 25 der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 26 der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Beim Hören entsteht unwillkürlich ein Bild vor unseren Augen. Wie sich Eltern über das Bett ihres Kindes beugen und es voller Wärme anstrahlen. Die Mutter lächelt oder der Vater. Und das Kind lächelt zurück. Es sind diese Erfahrungen, die einen tiefen Abdruck in der Seele eines Kindes hinterlassen. So tief, dass sie auch noch nach Jahrzehnten wirksam sind. Sie wirken weiter als ein Überschuss an Vertrauen und Zuversicht und an Kraft, auch mit Widrigkeiten fertigzuwerden. Und damit sind wir dem, was beim Segnen geschieht, ganz dicht auf der Spur. Menschen suchen im Gottesdienst den Moment, in dem sie gemeint sind. Ganz persönlich. Sie suchen nach Vergewisserung. Ihr Leben mit seinen Verwundungen schreit nach Schutz, nach Zuwendung, nach Berührung. So wie bei Frau B. Und dann erfahren sie in den Segensworten: Gott selbst strahlt dich an. Sein großes leuchtendes Ja gilt dir. Er blickt dir voller Freundlichkeit ins Gesicht. Und dieses leuchtende Angesicht Gottes geht mit dir – hinaus in die Welt, in den Alltag, in die Woche, Was für Lebenskräfte müssen da in uns freigesetzt werden!
Doch hält diese Segenskraft auch den Enttäuschungen stand? Wie oft gerät das Volk Israel bei seinem Durchzug durch die Wüste in Not. Mal sind sie am Verdursten, mal fehlt es an Nahrung. Dann rutscht die Stimmung wegen eines Umwegs in den Keller. Manchmal stellen sie alles in Frage und wünschen sich nach Ägypten zurück – ins Gefängnis, wo es doch bequemer war. Und doch erfahren sie, wie Gott für sie sorgt. Sie aufrichtet mit kleinen und großen Wundern. Eines Tages sprudelt Wasser aus dem Felsen. Mitten in einer Hungersnot regnet es unerwartet Manna vom Himmel. Und Mose, ihr Anführer, hält durch, wirft nicht hin, obwohl er häufig ihren Frust abkriegt. So konkret erfahren sie Gottes Segen. Diese Wüstenerfahrungen des Volkes Israels können uns Mut geben, wenn wir schwere Zeiten durchleben. Auch dann sind wir nicht vom Segen Gottes abgeschnitten. Auch dann dürfen wir damit rechnen, dass Gott für uns sorgt. Und wenn sich die Dinge oder Menschen gegen uns wenden? Wenn feindliche Blicke uns treffen? Gerade da ist es umso wichtiger, das Angesicht Gottes im Blick zu behalten. Es als ein inneres Bild im Herzen zu tragen. Es stärkt in uns die Gewissheit: Ich bin auch jetzt Gesegneter Gottes. Er umgibt mich mit seinem Schutz.
(4) Wenn Gott seinen Namen auf uns legt, werden wir frei
Der Schlusssatz lautet so: „Ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“ Hier rühren wir an das tiefste Geheimnis des Segens. Gott bekräftigt im Segnen seinen Bund, den er mit dem Volk Israel geschlossen hat. Er erinnert sie an das kostbarste Geschenk, das er ihnen gemacht hat. Sie sind nicht irgendein Volk, nein, sie sind das Volk Gottes. Sie tragen seinen Namen. Segnen stammt vom lateinischen Wort „signare“: bezeichnen, signieren. Gott schreibt sich beim Segnen seinem Volk buchstäblich ein. Wir als christliche Kirche dürfen nicht vergessen, dass der aaronitische Segen zunächst allein dem Volk Israel gilt. Wir haben es nur Jesus Christus zu verdanken, dass wir „Miterben“ (Epheser 2,19) geworden sind.
Gott legt seinen Namen auch auf uns, wenn wir gesegnet werden. Und er verbindet uns neu mit sich. Bonhoeffer hat das trefflich auf den Punkt gebracht: „Segnen, das heißt, die Hand auf etwas legen und sagen: du gehörst trotz allem Gott.“ Damit entzieht uns Gott den Herrschaftsansprüchen anderer. So vieles will uns beherrschen: Selbstzweifel – Ängste – maßlose Erwartungen anderer – die Gier nach immer mehr – Selbstoptimierungszwänge… Doch wir gehören Gott, nicht ihnen. Sie haben kein Recht, uns länger zu beherrschen. Wie befreiend, wenn Gott beim Segnen seinen Namen auf uns legt!
Welchen Namen aber hat Gott?
Drei Mal wird er in unserem Segen der Herr genannt. Das steht im Hebräischen stellvertretend für den unaussprechlichen Gottesnamen. Martin Luther fand in dieser dreimaligen Nennung den Namen des dreieinigen Gottes. Buchstabieren wir die drei Verse durch: „Der Herr segne dich und behüte dich“. In diesem ersten Vers erkennt Luther Gott den Schöpfer, der uns mit so viel Gutem täglich reich beschenkt. Dazu gehören Kinder und die Fruchtbarkeit des Landes. Glück und Gelingen bei der Arbeit. Gemeinschaft mit anderen Menschen. Aber auch Schutz und Bewahrung auf den Straßen und Wegen. „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig“: Den zweiten Vers deutet Luther auf Jesus Christus. Der uns diese Erfahrung von Gnade schenkt. Dass er uns trotz allem, was gegen uns spricht, nicht den Rücken zukehrt, sondern sich uns zuwendet, uns unsere Sünde vergibt und uns voller Freundlichkeit anblickt. „Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Hier ist vom Heiligen Geist die Rede. Ihm haben wir es zu verdanken, dass sich beim Segnen ein Raum des Friedens auftut, in dem wir uns bergen können – trotz allem, was uns bedrängt. Und so erfahren wir einen Vorgeschmack von dem großen Frieden, der in Gottes neuer Welt auf uns wartet. So nimmt uns der aaronitische Segen neu hinein in die Geschichte des dreieinigen Gottes mit seiner Welt, die von der Schöpfung bis zur endgültigen Erlösung reicht.
Amen.

