Fehlt Gott – oder fehlt uns die Frage?

Tagung Kirche Theologie Leipzig

„Fehlt Gott? Kirche und Theologie inmitten religiöser Indifferenz“

Dritte öffentliche Jahrestagung des Forums Kirche & Theologie am 22. und 23. März 2026 in Leipzig

von Thomas Martin Schneider

Die dritte öffentliche Jahrestagung des Forums Kirche & Theologie e. V. fand am 22. und 23. März 2026 in Leipzig statt. Das Thema lautete „Fehlt Gott? Kirche und Theologie inmitten religiöser Indifferenz“. Die insgesamt 76 Teil­nehmerinnen und Teilnehmer fanden sich am Nachmittag des 22. März zur Mitgliederversammlung im Hotel Michaelis ein. Die Bochumer Kirchen­historikerin Prof. Dr. Katharina Greschat wurde neu in den Vorstand gewählt. In seinem Rechenschaftsbericht blickte der Vorsitzende Prof. Dr. Dr. Günter Thomas auf die verschiedenen Aktivitäten des Vereins im vergangenen Jahr zurück, u.a. die vielen Denkanstöße, Kolumnen, Predigten und Betrachtungen zum Kirchenjahr auf der Homepage sowie die gut besuchten Online-Impulse und ‑Diskussionen zur EKD-Missbrauchsstudie und zum Themenkomplex Kirche und Macht. Thomas betonte, dass der Verein sich ganz bewusst als offenes Forum verstehe. Gemeinsames Anliegen sei es lediglich, so Thomas, den Türspalt für die Gottesfrage in Kirche, Theologie und Gesellschaft offen zu halten; ganz öffnen könne die Tür nur Gott selbst. Im Sinne des Forumsgedankens gab es nach dem Abendessen reichlich Zeit für Begegnungen und Gespräche.

Tagung Fehlt Gott? Kirche und Theologie inmitten religiöser Indifferenz“ Leipzig

Die Morgenandacht am 23. März in der katholischen Neuen Propsteikirche St. Trinitatis wurde von dem Erlanger Kirchenmusiker Prof. Dr. Konrad Klek gestaltet. Klek erinnerte mit zahlreichen eindrücklichen musikalischen Beispielen an das Wirken Paul Gerhardts, dessen Tod sich in diesem Jahr zum 350. Male jährt.

Hauptreferent war sodann der in Utrecht lehrende katholische Professor für Praktische Theologie Dr. Jan Loffeld. Ausgehend von seinem viel beachteten Buch von 2024 „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt: Das Christentum vor der religiösen Indifferenz“ beschrieb er auf sehr lebendige Weise die Situation der christlichen Kirchen und des christlichen Glaubens in Westeuropa. Die Vorstellung, dass Religion nicht verschwinde, sondern lediglich neue individuelle Formen annehme, sei eine Illusion. Auch die Begriffe Atheismus und Agnostizismus seien für eine Beschreibung der gegenwärtigen Entwicklung nicht mehr passend. Loffeld sprach stattdessen von drastisch zunehmendem Apatheismus: Der Gottesglaube werde nicht mehr bekämpft oder skeptisch hinterfragt, vielmehr sei er insbesondere jungen Menschen häufig völlig egal. Diese Menschen suchten oft gar nicht mehr nach Sinn, sondern fänden ihr Leben einfach so in Ordnung, ohne dass sie sich überhaupt die sogenannte religiöse Frage stellten. Den Kirchenleitungen warf Loffeld vor, dass sie sich nicht selten immer noch der Illusion hingäben, dass alle Menschen letztlich ein Bedürfnis nach Orientierung und Spiritualität hätten, und sich vergeblich um kirchliche Optimierungsstrategien – um wieder attraktiver zu werden – bemühten. Die Kirchen erlebten gerade den Absturz in die Minderheitensituation, der verglichen mit dem früheren Wandel von der Volkskirche zur Großkirche sehr schmerzhaft sei. Ein Hoffnungszeichen für die Kirchen sei es, dass der Glaube unter den aktiven Kirchenmitgliedern in den letzten Jahren stabil geblieben sei. Mit Hinweis auf das Gleichnis vom Wachsen der Saat (Mk 4, 26–29) gab Loffeld, der auch Priester ist, abschließend seiner Hoffnung auf die Selbstevidenz der biblischen Botschaft Ausdruck.

Loffelds Thesen wurden anschließend mit ihm auf einem Podium diskutiert, moderiert von der Beauftragten für Grundlagenarbeit Theologie der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, Prof. Dr. Christine Schliesser. Die weiteren Teilnehmer waren die frisch graduierte Studienassistentin im Theokreis Leipzig zur geistlichen Begleitung von Theologiestudierenden, Lea Dörfel, der Konstanzer Dekan Markus Weimer und der an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal lehrende Professor für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie, Henning Wrogemann. Weimer, der die Situation der anglikanischen Kirche in England wissenschaftlich untersucht hat, konstatierte u.a., dass biblisches Grundwissen bei heutigen Schülerinnen und Schülern oft gar nicht mehr vorhanden sei. Der Vorteil sei, dass man inzwischen nahezu jede biblische Geschichte als spannende Fortsetzungsgeschichte erzählen könne. Dörfel, die von dem Einbruch der Theologiestudierendenzahlen berichtete, sah u.a. in der komplizierten akademischen theologischen Sprache ein gravierendes Vermittlungsproblem. Wrogemann verwies auf seine Reisen nach Asien und Afrika, wo Religionen nach wie vor eine sehr relevante Rolle spielten, oft verbunden mit Träumen, Heilungen, Exorzismen etc. – Phänomen, mit denen man in Deutschland in aller Regel nichts zu tun haben wolle. Fragen aus dem Auditorium wurden mittels „Slido“ eingeholt und von den Podiumsteilnehmenden beantwortet bzw. diskutiert.

Pausengespräche auf der Jahrestagung des Forums Kirche & Theologie in Leipzig.

Pausengespräche auf der Jahrestagung des Forums Kirche & Theologie in Leipzig.

In kleinen Gesprächsgruppen gab es anschließend noch einen lebhaften Austausch über das Gehörte. Vor dem Reisesegen formulierten vier Tagungsteilnehmerinnen und ‑teilnehmer ihre jeweilige Quintessenz der Tagung.

 

Logo des Forums Kirche & Theologie mit stilisiertem Alpha-Zeichen und Kreuz
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