Predigt zu Johannes 10, 11–16.27–28 (Misericordias Domini 2025)

Predigt Johannes Krabbe

Misericordias Domini
Christuskirche Achern, 4. Mai 2025
Johannes 10, 11–16.27–28

Für den Sonntag ›Misericordias Domini‹ Worte aus Johannes 10:

Christus spricht: »Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt, und Ich kenne den Vater. Ich lasse mein Leben für die Schafe. Und Ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.
Meine Schafe hören meine Stimme, und Ich kenne sie und sie folgen mir, und Ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.«

Von GOTT geliebte Gemeinde!

Nun haben wir es also gehört: das Wort vom ›guten Hirten‹. Hoffentlich aber hören wir es neu, erfrischend-neu! Bekannt ist es uns allen mehr oder weniger. Selbst Menschen, die der Kirche nicht gerade nahestehen / selbst Menschen, die eine Kirche lange nicht mehr von innen gesehen haben: aber viele kennen das Wort vom ›guten Hirten‹. Viele kennen den 23. Psalm / viele kennen ihn auswendig / viele wünschen sich gerade Psalm 23 als Geleitwort im Falle ihres Todes für ihre Beerdigung: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts fehlen …« Dieses alte Bibelwort spricht verschiedenste Menschen bis heute an / es ergreift, erwärmt, tröstet / wirkt wie Balsam für die Seele / es tut einfach gut! Für mich gehört dieses Bibelwort zu den schönsten in der ganzen Bibel – vergleichbar einem Schatz, den mir niemand nehmen kann! ›So ist GOTT für mich: wie ein guter Hirte! Wie ein guter Hirte erweist sich GOTT für mich hier heute Morgen in dieser schönen Christuskirche! Wie ein guter Hirte erweist sich GOTT für mich mitten in meinem Alltag / in meinen Lebensprüfungen / auch dann, wenn ich kaum noch weiter weiß … Wie ein guter Hirte erweist sich GOTT für mich: das darf und das soll ich ganz fest, ganz tief glauben! Das soll sich in meine Seele eingekerbt haben!

Das Hirtenbild begegnet in unserer Bibel verschiedene Male. Wir kennen es aus der Weihnachtsgeschichte. Da waren es geradezu die Hirten, die es als erste erfuhren: »Siehe, ich verkündige euch große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren, Christus, der Herr!« (Lk. 2,11). Wohlgemerkt: Die Hirten standen damals nicht gerade hoch im Kurs. Sie waren nicht die angesehen-sten Leute, im Gegenteil. In (der Hierarchie, in der Soziologie) der damaligen Gesellschaft rangierten sie eher an unterster Stelle, soz. ›unter ferner liefen‹. Das aber war nicht immer so (!): Denn in früheren Zeiten ließen sich Könige gerne ›Hirten‹ nennen, die Könige alter Völker. Sie verstanden diese Bezeichnung als Ehrentitel für sich / ehrergiebig nannten viele Menschen und viele Völker ihre Könige ›Hirten‹. Dahinter steckte wohl eine tiefe Sehnsucht: ›Endlich einmal muss doch ein Herrscher kommen, der wie ein guter Hirte für sein Volk sorgt / der es auf ›saftige Weide‹ führt / der es vor Gefahr und vor reißenden Wölfen schützt / und der den Räubern das Handwerk legt! Mit den falschen Hirten: mit den sog. ›Mietlingen‹ (die nur an ihr eigenes Geld denken) / mit solchen würde Er aufräumen, der erwartete ›gute Hirte‹ – den Unterdrückern, den Halsabschneidern, den Blutsaugern würde Er ein Ende bereiten / denen, denen es nur um eigene Macht und Ehre, um Profit und Vorteil geht. Gerade weil man schlechte Erfahrungen gemacht hatte (die vermeintlich guten Hirten wirtschafteten allesamt letztlich nur in die eigene Tasche) – gerade weil es in der Gesellschaft drunter und drüber zuging, wartete man voller Sehnsucht auf den einen, wahren, guten Hirten!
Gilt dies nicht ganz aktuell auch in unserer Zeit?

Wir könnten fragen: Was kennzeichnet einen wahrhaft guten Hirten – und wie ist das mit den Wölfen? Gibt´s Wölfe auch heute noch, in unserer Gesellschaft? ›Wölfe im Schafspelz‹? / Wesen, die über andere herfallen und sie ausnehmen (wie die Weihnachtsgans)? / Wesen, die keine Rücksicht kennen, keinen Anstand, keine Moral, keine Skrupel, kein Schamgefühl? Gibt´s solche Wesen auch mit weißen Handschuhen und im Edelzwirn? Ich frage ja nur …, aber ich entdecke dabei, wie notwendig-nötig ein wahrhaft guter Hirte ist! Nun gerade auch in unserer Zeit!

Kain fragte damals, nachdem er seinen Bruder Abel erschlagen hatte: »Soll ich meines Bruders Hüter sein?« – Was für ein Musterbeispiel einer rhetorischen Frage, denn die Antwort ist doch klar: ›Aber ja doch! Es ist deine Aufgabe, deines Bruders Hüter zu sein! Es ist deine Aufgabe, dich um das Wohlergehen deines Bruders zu kümmern und zu sorgen! Fang jetzt aber bitte nicht an, auch noch dreist zu fragen, wer denn wohl dein Bruder, wer deine Schwester sei! Um jeden, der dir begegnet, sollst du dich kümmern!‹

Im Norddeutschen (ich bin ja von Hause aus Norddeutscher), da werden die Pfarrer: ›Pastoren‹ genannt, zu Deutsch: ›Hirten‹. Wie der Hirte für seine Schafe sorgen soll, so soll der Pastor für seine ›Schäflein‹ sorgen, sich um sie kümmern, ihnen nachgehen. Dementsprechend könnte die Anrede an die Gemeinde also lauten: ›Liebe Schafe!‹ / wohlgemerkt: ›Liebe Schafe des guten Hirten Jesus Christus!‹

Nun denn – wir müssten uns wohl darüber austauschen, was jeder von uns mit dem Bildwort vom ›guten Hirten‹ verbindet. Was fällt Ihnen spontan dazu ein / was denkt eine Hausfrau dazu / was ein Handwerker / was einer, der in seinem Leben schon viel mitgemacht hat?

Anders gefragt: Wie hört eine Frau dieses Bibelwort, die mit ihrem Mann nicht zurechtkommt und die unter ihm und unter seinem Alkohol leidet? Sie könnte weghören, aber sie könnte auch genau zuhören! Sie könnte hören: ›GOTT sorgt auch für dich! ER sieht dich, ER hilft dir weiter, auch wenn du es nicht gleich merkst. GOTT ermutigt dich, die nötigen Dinge anzusprechen und nicht mehr hintenherum zu reden, zu vertuschen und zu verheimlichen. ER gibt dir dazu ganz viel Kraft – verlass´ dich drauf!‹

Das Wort vom guten Hirten – wie hört es ein alter Mann in seinem Krankenbett? Auch er könnte weghören, aber er könnte ebenso genau zuhören und sich von diesem Bibelwort mitnehmen und bewegen lassen, sich direkt ansprechen lassen: ›Mensch, wenn das so ist, warum muss ich mir dann weiterhin so entsetzliche Gedanken machen, mir meinen Kopf und mein Herz zerbrechen? Ich darf doch voll und ganz auf GOTT vertrauen / immer auf GOTT vertrauen / mich in Seine fürsorglichen Hände fallen lassen: ER doch fängt mich auf! ER doch ist mein guter Hirte, auch dann, wenn es hier auf Erden mit mir zu Ende geht!‹

Das Wort vom guten Hirten – wie hört es ein junger Mensch, der das Leben noch vor sich hat, der quicklebendig und unternehmungslustig ist, aber auch nicht unberührt von den Problemen unserer Zeit? Jüngere Menschen hören ja gerne weg, wenn ›Oldies‹ / nämlich: ältere Dam- und Herrschaften ihnen was sagen wollen – aber, liebes Jungvolk: ›Hört um euretwillen bitte nicht weg, wenn der gute Hirte Jesus Christus bei euch anklopft! Pass auf, wenn du Seine Stimme hörst! Lass dir um deinetwillen nicht entgehen, was Er dir anbietet / was Er dir schenkt: Leben in Fülle, ewiges Leben mit GOTT, das hier auf Erden schon beginnt und das mitten hineinführt in Gottes Herrlichkeit! In Gottes Friedensreich! Der ›Zug zum ewigen Leben‹ ist längst schon vorgefahren / er hält gerade heute Morgen hier in deinem Bahnhof (Kirche genannt) / verpass´ es nicht und verschlaf´ es nicht, einzusteigen!‹

Liebe Mitchristen, seid bitte an diesem Punkt hellwach und liegt bloß nicht auf euren Ohren: Lasst euch den Dienst des guten Hirten gefallen, ja, sucht ihn stets neu: im eigenen Gebet, im eigenen Bibelstudium, hier in der Kirche – ihr sollt Ihn doch finden und darüber froh werden! Niemann soll schließlich leerer aus dieser Kirche herausgehen, als er leer hineingekommen ist! Bittet und fordert Ihn auf, euer guter Hirte zu sein – tut das vielleicht mit Worten wie diesen:

›Herr und GOTT / Herr Jesus Christus, werde und bleibe Du mein guter Hirte, hier in dieser Erdenzeit und hernach in Ewigkeit! Sorge Du Dich um mich und geh mir nach, wenn ich mich verlaufe. Räume all das weg, was Dich hindert. Mach mich zu einem Menschen Deiner Schafherde, der sich in Deiner Nähe wohlfühlt und der die Gemeinschaft mit anderen Schafen sucht! Lass mich Trost und Heil finden hier in Deinem Haus. Wie gut, dass es diesen Ort gibt / diese Kirche, wo ich hinkann mit meiner Enttäuschung, mit meiner Trauer, mit meiner Klage, auch mit meiner Wut – aber auch mit meiner Freude und mit meinem Glück! Was alles würde fehlen, wenn es solche Orte: Kirchen nämlich nicht mehr gäbe! Vergiss´ mich nicht, mein Herr und GOTT! Amen.‹

Pfarrer em. Dr. Hans-Gerd Krabbe

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