Im Ulmer Münster erinnert Prälatin Gabriele Wulz in ihrer Predigt zum 9. November daran, wie Verrat, Schweigen und verpasste Solidarität Christinnen und Christen damals wie heute mitschuldig machen – und dass die Kirche allein auf Gottes Erbarmen hoffen kann.
Predigt zum 9. November –
Markus 14, 66–72
Wie funktioniert Verrat? Und was bedeutet Verrat in einem Menschenleben?
Liebe Gemeinde, je älter ich werde, desto mehr bedrängt mich diese Frage. Vielleicht auch deshalb, weil ich inzwischen weiß, dass Verrat nicht so selten ist und man sich auf Treueversprechen nicht immer verlassen kann. Und vieles, was einem immer klar und sicher schien, plötzlich ganz anders sein kann.
Ich vermute, dass jeder, jede von Ihnen Verrat schon einmal erlebt hat. Wie man meinte, ganz sicher zu sein, fest im Leben zu stehen und dann plötzlich, gefühlt wie aus heiterem Himmel, erlebt, wie die Sicherheiten zerplatzen, der feste Boden schwankt und nichts mehr so ist, wie es war.
Man kann sich lange beschwichtigen und drüber hinwegtäuschen. Man kann sich lange irgendwie auch zufriedengeben, tapfer behaupten, dass es schon nicht so schlimm kommen wird und die gegebenen Versprechen halten. Aber irgendwann geht es nicht anders. Da muss man es einsehen: Ich bin verraten worden. Aus welchen Gründen auch immer.
Und die erhoffte Solidarität, die versprochene Treue – die gibt‘s nicht mehr. Auf einmal steht man ganz allein da. Beschämt. Isoliert. Hilflos und ohnmächtig.
Wenn sich mir, liebe Gemeinde, heute am 9. November die Frage nach dem Verrat aufdrängt, dann hat das natürlich ganz viel mit diesem besonderen Tag zu tun, an dem wir uns an das Novemberpogrom von 1938 erinnern. Ein Tag, der nicht aus heiterem Himmel kam.
Aber man konnte sich irgendwie immer wieder auch beschwichtigen, beruhigen … Die Augen vor den Gesetzesänderungen verschließen. Sie haben einen, sofern man der „richtigen“ Abstammung angehörte, ja auch nicht unbedingt wehgetan.
Beim Packen meiner Umzugskisten kamen mir wieder die Abstammungslisten in die Hände die meine Großeltern akribisch zusammengestellt hatten– und die Nachweise, die sie mithilfe der Kirchenbüchern den Ämtern vorlegen konnten.
Unsere Väter und Mütter, meine Großeltern waren keine Unmenschen. Sie waren Menschen, gerade so wie wir, und haben dennoch Verrat begangen. Verrat an der Mitmenschlichkeit und Verrat an allem, was ihnen irgendwann einmal in Kinderkirche, im Religions- oder im Konfirmandenunterricht eingetrichtert worden war. Es hat nicht gehalten. Es hat nicht getragen.
Am 9. November 1938, liebe Gemeinde, war nicht Nazi-Deutschland am Start, wie ich es in Nachrichten und von offizieller Seite so oft höre, sondern unsere Eltern, Großeltern, Urgroßeltern. Menschen, die dieselbe Sprache gesprochen haben wie wir und die sich nicht – oder nur sehr vage – in den Verrat einfühlen wollten, der an ihren Nachbarn, an ihren Bekannten, ja vielleicht sogar an ihren Freunden oder Familienangehörigen begangen wurde.
Wer verraten wird, ist einsam. Erschreckend einsam. So wie viele jüdischen Menschen hierzulande nach dem Pogrom am 7. Oktober 2023 und dem großen Schweigen am 8. Oktober. Da gab‘s, so die israelische Soziologin Eva Illouz, kein kollektives Erschrecken, kaum Mitgefühl, sondern vielerorts einen „tugendhaften“ Hass auf Israel.
Und wenn Gemeindeglieder der jüdischen Gemeinde in Stuttgart ihre Post an die Adresse des Gemeindezentrums schicken lassen, dann ahnt man, was es bedeutet, derzeit öffentlich als Jude, als Jüdin hierzulande erkennbar zu sein.
Liebe Gemeinde,
87 Jahre nach dem Novemberpogrom hören wir den Predigttext für diesen Tag aus dem Neuen Testament.
Wir werden zurückversetzt in die Nacht des Verrats. Soldaten hatten Jesus im Garten Gethsemane gefangen genommen – ohne jede Gegenwehr. Die Jünger sind zunächst geflohen.
Petrus aber ist Jesus in den Hof des Hohepriesters gefolgt. Und nach dem Verrat des Judas hören wir nun vom Verrat des Petrus.
Ich lese aus dem 14. Kapitel des Markusevangeliums die Verse 66–72:
Und Petrus war unten im Hof. Da kam eine von den Mägden des Hohepriesters; und als sie Petrus sah, wie er sich wärmte, schaute sie ihn an und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus von Nazareth. Er leugnete aber und sprach: Ich weiß nicht und verstehe nicht, was du sagst. Und er ging hinaus in den Vorhof, und der Hahn krähte. Und die Magd sah ihn an und fing abermals an, denen zu sagen, die dabeistanden: Dieser ist einer von denen. Und er leugnete es abermals.
Und nach einer kleinen Weile sprachen die, die dabeistanden, abermals zu Petrus: Wahrhaftig, du bist einer von denen; denn du bist auch ein Galiläer. Er aber fing an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht, von dem ihr redet. Und alsbald krähte der Hahn zum zweiten Mal. Da gedachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er fing an zu weinen.
Und er fing an zu weinen … Denn der Verrat wiegt schwer. Die Erkenntnis der eigenen Unfähigkeit lässt die Fassung verlieren. Was undenkbar schien – nur wenige Stunden zuvor beteuerte Petrus Jesus ja, dass er ihn nie im Stich lassen würde – gilt nicht mehr.
Petrus war doch einer von denen um Jesus – und sagt jetzt doch: Ich bin‘s nicht. Ich kenne den Menschen nicht, von dem ihr redet.
Die Tränen des Petrus, liebe Gemeinde, sind bitter. Selbsterkenntnis ist nur schwer erträglich.
Wir gedenken lieber der Opfer als Einsicht in den eigenen Verrat zu üben. Lieber sehen wir uns selbst als Opfer und meinen, man habe uns übel mitgespielt, als dass wir das eigene Versagen bekennen könnten.
Im Abstand von 80 Jahren sehen wir, wie blamabel die Stuttgarter Erklärung war und nehmen doch auch zur Kenntnis, dass das damals vielen viel zu weit ging und ein erbitterter Proteststurm gegen den Verrat der Evangelischen Kirche in Deutschland losbrach.
Als Kuschen vor den Feinden Deutschlands wurde diese Erklärung aus der Markuskirche in Stuttgart denunziert. Dabei klingen die Formulierungen in unseren Ohren erschreckend halbherzig und relativierend. Wohlgemerkt in unseren Ohren. Heute. Ich zitiere:
„Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“
Kein Wort über die Verfolgung, die Ermordung der europäischen Judenheit, der Sinti und Roma und der slawischen Völker. Kein Wort über Euthanasie oder die Ermordung all derer, die nicht ins Schema passten …
Kein Wort, dass alle die verraten wurden, die eigentlich eine Kirche gebraucht hätten.
Keine Tränen, keine Reue. Nur schnell wieder zur Normalität zurückkehren, wiederaufgenommen werden in den Kreis der Ökumene, des Weltkirchenrats.
Die Unfähigkeit zu trauern, haben das die Mitscherlichs in den 1960-er Jahren genannt.
Die Stuttgarter Erklärung – Lippenbekenntnis, dem bald ein Streit um Worte folgte. Insofern ist Petrus uns immer noch voraus. Auch darin, wie er mit seiner Schuld, mit seinem Verrat umgeht.
Denn Petrus erinnert sich, nachdem er zweimal den Weckruf des Hahns gehört hat. Er wird gleichsam aus seinem Schlaf geweckt.
Sieht, was ist und wer er in dieser Geschichte ist. Und das Besondere ist: Petrus leugnet nicht länger, wehrt nicht ab, sondern kann sich sehen, wie Jesus ihn gesehen hat: als Verräter und als Freund.
Liebe Gemeinde,
eine Kirche, die sich auf Petrus den Fels gründet, ist eine Kirche, die um ihren eigenen Verrat weiß und die den Abgrund des Verrats kennt.
Der Hahn auf dem Kirchendach zeigt nicht nur das Wetter an. Er ist auch Zeichen des Verrats und Symbol dafür, dass wir uns nicht in der Hand haben. Oft genug nicht wissen, was wir tun, was wir sagen, wozu wir schweigen, wenn es hart auf hart kommt – und etwas kostet.
Eine Kirche, die sich auf Petrus gründet, der Fels ist und zugleich so unendlich schwach und wankelmütig, weiß, dass sie keine andere Hoffnung hat als Gottes Erbarmen und die, wenn es darauf ankommt und sie gefragt wird: Ihr seid doch auch mit dem. Diesem Jesus, dem Juden?
Dann, ja dann antwortet und hoffentlich einfach sagt:
Ja.
Amen

