Gottes Zeit – Eine kleine Theologie des Advents

Theologie Des Advents

Advent ist die Zeit, in der Gottes Ewigkeit das Licht in unsere vergängliche Welt trägt. Ralf Frisch zeigt in „Gottes Zeit“, dass christliche Hoffnung nicht aus der Welt flieht, sondern die Zeit selbst verwandelt – im Vertrauen auf den Heiland der Zeit.

 

1) Aus der Zeit Gottes gefallen: Stoiker und Sisyphos

„Alles hat seine Zeit.“ So sagt es der alttestamentliche Prediger. Der Prediger ist ein weiser, illusionsloser Realist. Und dieser Realist weiß, dass der Mensch nicht nur Homo sapiens, sondern auch Homo temporalis ist. Ein vergänglicher Mensch, der als Geschöpf Gottes seine befristete Zeit hat. Das gilt noch mehr für den säkularen Menschen, den homo secularis. Es könnte sein, dass ein aus der Zeit Gottes gefallener Mensch seine Vergänglichkeit noch verzweifelter erlebt als jemand, der noch immer irgendwie in der christlichen Zeitrechnung, also in der Zeit des Kirchenjahres beheimatet ist. Gut möglich, dass die Lebenszeit erbarmungsloser verfliegt, wenn das, was ist, alles ist und wenn in dieser Lebenszeit möglichst alles erlebt werden muss, ehe alles zunichte wird. Und gut möglich, dass in einer transzendental obdachlosen Welt auch die verzweifelten Versuche des heillos und heilandslos auf sich selbst verwiesenen Menschen zunehmen, die Wunden der Zeit und der Welt zu heilen.

Die Weisheit des alttestamentlichen Predigers ist eine Überlebensweisheit für Illusionslose. Für Stoiker und Fatalisten, deren Schöpfungstheologie sich auf die lakonische Einsicht eindampfen lässt, dass die Welt eben so ist, wie sie ist und dass das einzig Veränderbare daher nicht die Welt, sondern nur die Haltung der Menschen zur Welt ist.

Es gibt aber nicht nur die illusionslose Überlebensweisheit des alttestamentlichen Predigers. Es gibt auch eine Überlebensweisheit aller Illusionslosigkeit zum Trotz. Es gibt die Weisheit anderer Prediger und anderer Predigerinnen, die dem Menschen raten, sich revolutionär gegen den Fatalismus aufzubäumen und sich nicht damit abzufinden, dass das, was ist, sich nicht ändern lässt. Diese Predigerinnen und Prediger sagen: „Es ist besser, sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen, als die Hände in den Schoß zu legen – tatenlos oder betend. Es ist besser, den Göttern das Feuer zu stehlen, als sich quietistisch des Lebens zu freuen, so lange noch das Lämpchen glüht.“ Dylan Thomas dichtete: „Do not go gentle into that good night. Rage, rage against the dying of the light.“ Er brachte damit die Haltung des existenzialistischen Protestatheismus gegen die Trostlosigkeit der zeitverfallenen Existenz auf den Punkt.

2) Der Heiland der Zeit: Advent und Aufklärung

„Alles hat seine Zeit. Auch Gott. Und Gottes Zeit kommt. Alles vergeht. Auch wir. Aber es wird eine Zeit kommen. Eine Zeit, die niemals der Vergangenheit angehören kann und in der auch wir nicht der Vergangenheit angehören werden. Gottes Zeit. Die Zeit dessen, der seine beste Zeit hinter sich zu haben scheint. Aber das ist ein Irrtum. Gott kann nicht der Vergangenheit angehören. Gottes Zeit kommt. Und wenn sie da ist, dann werden wir erkennen, dass auch unsere Zeit zu keiner Zeit verloren war. Denn unsere Zeit steht in Gottes Händen. Und dort, auf dem Grund der Zeit, werden wir, die das Gefühl für Gottes Ewigkeit verloren haben und deshalb zu gesteigerter Vergänglichkeit, Ruhelosigkeit und Illusionslosigkeit verurteilt sind, Ruhe finden.“ So sagt der adventliche Prediger. Der Prediger, der weder Fatalist noch Antifatalist ist. Der Prediger, der weder allein im Zyklus der Jahreszeiten noch allein in einer ins Nichts stürzenden Zeit, sondern aus einer ganz anderen Zeit heraus und auf eine ganz andere Zeit hin lebt. Der, der nicht nur die geschaffene und die gefallene, sondern auch die erlöste Zeit kennt. Die zu allen Zeitläuften gegensätzliche Zeit. Die Zeit, die der Herr der Zeit für uns hat. Der Herr der Zeit, der im Stall von Bethlehem in die befristete und vergängliche Zeit der Schöpfung und in die verfallende und vernichtende Zeit der Sünde hineingeboren wurde. Der Herr der Zeit, der am Ostermorgen die Wunden der Zeit geheilt und die Vergänglichkeit und die Vernichtung überwunden hat. Der Herr der Zeit, der der Heiland der Zeit ist.

Nichts ist erhebender, tröstlicher und revolutionärer als die Zeitrechnung des Advents. Sie setzt der ewigen, vernichtenden Wiederkehr des Gleichen und der illusionslosen Einsicht des alttestamentlichen Predigers, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt und dass die revolutiones der Planeten um die Sonne erst enden, wenn es diese Sonne und diese Planeten nicht mehr geben wird, ein Ende. Ein seliges Ende. Jede Adventskerze, die in die metaphysische Dunkelheit einer illusionslosen Gefühlswelt hinein scheint, leuchtet dieses selige Ende ein. Jede Adventskerze ist ein Sieg des kommenden Gottes über die vordringende Nacht. Jede Adventskerze ist Aufklarung und Aufklärung zugleich. Sie klärt die den säkularen Zeitkalkulationen verfallene Welt über die eigentliche christologische Wahrheit der Zeit auf. Auch diese Aufklärung ist Ausgang des Menschen. Die Adventskerze weist ihm den Weg aus dem selbstverschuldeten Gefühl der Unentrinnbarkeit des stählernen Gehäuses der Zeit.

3) Die Tür zum schönen Paradeis: Adventswissenschaft und Naturwissenschaft

Wenn es einen Physiker gibt, den man einen Herrn der Zeit nennen könnte, dann Albert Einstein. Er hob vor einhundertzwanzig Jahren die Zeit aus den Angeln. Newtons Zeit. Wäre es kein alberner Kalauer, könnte man sagen, dass der Heiland der Einstein unserer illusionslos zyklischen oder linearen Zeitrechnungen und Zeitempfindungen ist. Der Heiland, der die Mitte der Zeit und das A und O aller Zeit ist. Der Heiland, der die ins Nichts stürzende Zeit unseres verfallenden geschöpflichen Lebens nicht verloren sein lässt, sondern auffängt in seiner Ewigkeit.

Der adventliche Prediger kommt anders als der alttestamentliche Prediger von der Überzeugung her, dass die physikalische Zeit, die uns das Leben nimmt, nicht das Maß aller Dinge ist und dass sie deshalb nicht das Maß aller Dinge ist, weil sie nicht einfach geschöpfliche, sondern gefallene und als solche fallende und vergehende Zeit ist. Dass die Zeit vergeht und dass wir und alle Welt vergehen, liegt – großspurig naturwissenschaftsfremd gesprochen – nicht in der Natur der Zeit. Es liegt – provozierend theologisch gesprochen – in der Natur der Sünde, durch die die uns geschenkte und befristete geschöpfliche Zeit zur bedrohlich zerrinnenden Zeit wird. Dass der Mensch weiß, dass er sterben wird, dass ihm seine Sterblichkeit zum Horror wird und dass er sein Leben unter der Sonne als verflucht erlebt, ist gewissermaßen das Rumoren der täglich von uns verzehrten Frucht vom Baum in der Mitte des Gartens Eden in unseren Gedärmen, Gehirnen und Herzen.

Der illusionslose Prediger konstatiert, dass wir unser Leben jenseits von Eden zu fristen haben. Die illusionäre Predigerin hofft, dass wir uns – zumal im Anthropozän – irgendwie anthropotechnologisch Einlass in diesen Garten Eden zu verschaffen vermögen. Der adventliche Prediger weiß, dass die Zeit Gottes kommen wird. Die Zeit des Heilands der Zeit. Er weiß: „An Weihnachten schleußt ER wieder auf die Tür zum schönen Paradeis.“ An Weihnachten wird sichtbar, dass nicht nur die verfluchte Zeit, sondern auch die Logik der verfluchten Zeit ihre Zeit hat. Und zwar deshalb, weil die gefallene und verfallende geschöpfliche Zeit nicht ihrem tödlichen Schicksal überlassen ist. Denn Christus ist der Retter der Zeit. Am Ende des Advents ist nicht aller Tage, sondern Heiliger Abend.

Und weil dem so ist, müssen Christinnen und Christen unweigerlich nicht nur mit den Weisheiten der illusionslosen oder illusionären Predigerinnen und Predigern, sondern letztlich auch mit den Naturwissenschaften ihrer Zeit über Kreuz kommen. Zumindest dann, wenn sie sich als adventliche Christen verstehen. Sie können dann nämlich nicht anders, als das, was ist, nicht für alles zu halten, was ist. Sie können nicht anders, als das, was aus naturwissenschaftlicher Sicht und aus der Sicht des sogenannten gesunden illusionslosen oder revolutionären Menschenverstandes kommen kann – nichts nämlich –, für alles zu halten, was kommen kann.

Adventliche Christinnen und Christen sind also der Zeit der Wissenschaften ihrer Zeit immer schon voraus, weil sie wissen, dass auch die Wissenschaften ihre Zeit haben. Gott ist – provozierend pathetisch gesagt – auch der Herr ihrer Zeit und ihrer Zeitrechnungen. Adventliche Christen erwarten getrost, was kommen mag. Denn sie wissen, dass am Ende der kommt, auf den ach so wenig hindeutet in dieser Welt und der alles daran gesetzt zu haben scheint, keine Spuren zu hinterlassen und sich zu verstecken in und hinter der Welt. Sie wissen, dass am Ende der kommt, der am Anfang war und ist und sein wird und eines Jüngsten Tages wie im Versteckspiel alle erlöst.

4) Der Zeit die Lichter des Advents aufsetzen: Vier Wege adventlicher Existenz

Weil Christinnen und Christen in der Zeit des Homo secularis keine Möglichkeit haben, ihre adventliche Gewissheit auf naturwissenschaftlichem Weg zu erhärten oder mythologiefrei für den gesunden Menschenverstand zu plausibilisieren, bleiben dem Homo adventus vorläufig eigentlich nur vier Möglichkeiten, dem Dunkel der vergehenden Zeit, der vergehenden Jahreszeiten und der vergehenden Welt die Lichter der adventlichen Hoffnung aufzusetzen. Die Lichter der vergänglichen Hoffnung auf den Herrn der Zeit, der hinter allen Dingen und jenseits aller Vergänglichkeit erhaltend, ringend und rettend am Werk ist.

Die erste Möglichkeit ist der Modus der äußeren ästhetischen Anschauung, also der Modus des Ritus, des Kultus und der Liturgie. Wer adventlich lebt und vielleicht sogar den Advent liebt, wird nicht in Versuchung geraten, die Adventsästhetik der Christenheit geringzuschätzen. Selbst in der Verkitschung ist die Hoffnung auf die Anderswelt aufbewahrt.

Die zweite Möglichkeit ist der Modus der inneren Anschauung und der getrosten innenweltlichen Existenz, also der Modus der Einbildungskraft des Glaubens. Wer adventlich lebt und vielleicht sogar den Advent liebt, weiß, dass der christliche Glaube, die christliche Hoffnung und die christliche Liebe tot sind, wenn die Augen der kleinen und großen Kinder im Advent nicht mehr glänzen, wenn ihre Herzen erkaltet sind und wenn ihre Adventsstimmung gekippt und erloschen ist.

Die dritte Möglichkeit ist der Modus der großen Gegenerzählung, also der Modus der guten neuen Mär. Wer adventlich lebt und vielleicht sogar den Advent liebt, weiß, dass das Geheimnis von Gottes Zeit auch dadurch sichtbar wird, dass Christinnen und Christen gelassen und verwegen gegen die Geschichten der Weltdeutungsmächte dieses Äons anerzählen – mit dem vollen Risiko, für Märchenerzählerinnen und Märchenerzähler oder für postfaktische Gegenstromschwimmer gehalten zu werden. Ohne dieses Risiko ist allerdings weder der Adventsglaube noch die christliche Kirche zu retten.

Die vierte Möglichkeit ist der Modus des innerweltlichen Handelns aus diesem Glauben heraus, also das Wissen darum, dass der Kultus und die Einbildungskraft ebenso das Ethos brauchen, wie das Ethos den Kultus braucht. Wer adventlich lebt und vielleicht sogar den Advent liebt, weiß, dass Nachfolge auch darin besteht, Spuren des Kommenden zu hinterlassen und selbst durch das kleinste Werk der Barmherzigkeit in einer erbarmungslosen Welt an den ersehnten Heiland zu erinnern.

Adventliche Christen, die ihrer Zeit die Lichter des Heilands der Zeit aufsetzen, sind also tatsächlich aus der Zeit gefallen. Sie sind allerdings nicht von gestern, sondern von morgen oder besser gesagt von ganz anderswoher. Sie kommen aus Gottes Zeit. Jeder Mensch, der eine Adventskerze anzündet und sich am Ende beglückt und beglänzt von den vier Lichtern des Kranzes wie ein Kind am Heiligen Abend und an der Rundung der Zeit zur erlösten, geheiligten und geheilten Zeit freut, ist kein Kind des Anthropozän oder irgendeiner anderen erdgeschichtlichen Epoche mehr. Er ist ein Kind des Christozän, das quer oder vielmehr senkrecht zu allen Epochen steht. Und Kinder des Christozän haben – egal, wie viel Lebenszeit an ihren Körpern bereits ihr Werk verrichtet hat – ihre beste Zeit immer noch vor sich. Sie können tatsächlich nicht tiefer fallen als in die Hände des Herrn und Heilands der Zeit. Die große Leere, die große Nacht und das große Nichts können sie nicht überwältigen.

Würde mir das immer einleuchten – und zwar so, dass die Kerzen des Advents wirklich die Kraft hätten, auch in die dunkelsten, unaufgeklartesten und sorgenverhangenen Winkel meiner Seele und meines Herzens hineinzuscheinen – dann würde mir diese adventliche Weisheit wirklich zur Überlebensweisheit werden. Genauer gesagt zur Über-Lebensweisheit. Denn ich könnte mit dieser Weisheit getrost leben und sterben. Vielleicht hätte ich sogar die Kraft, mein Adventslicht nicht unter den Scheffel zu stellen und für mich und meine Seele zu behalten, sondern es unter die Leute zu tragen und mit den Worten des großen christlichen Dichters J. R. R. Tolkien weiterzugeben: „This light will shine still brighter when night is about you. May it be a light to you in dark places, when all other lights go out.“

Wer weiß, vielleicht würde die Welt dann zu einem erleuchteteren Ort.

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