Friedhöfe sind ideale Szenerien für Geisterstunden. Auch ich habe diese Erfahrung gemacht. Ausgerechnet am Abend des ersten Advents ging für mich wieder einmal die Welt und die Kirche unter – Gott sei Dank nicht ganz.
Der Nebel war so dicht, dass weder Fernlicht noch Nebelscheinwerfer halfen. Ich parkte hinten am Friedhof, schreckte beim Öffnen des eisernen Türchens eine Katze auf und ging – wie so oft – zur Kirche, um mein kleines Adventsritual zu leben: Kerze anzünden, Stern anschalten, Stille, ein Lied, der Atem in der kalten Luft.
Doch diesmal war die Kirchentür verschlossen. Ausgerechnet heute. Und während Regen, Dunkelheit und Kälte an mir zogen, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf, der sich nicht wegdiskutieren ließ: Diese verschlossene Tür ist mehr als ein praktisches Versehen – sie fühlt sich an wie ein Gleichnis. Ein Moment, in dem sich die Frage nach Glauben, Verlust und Zukunft der Kirche aufdrängt.
Die Kolumne erschien im Sonntagsblatt unter dem Titel:
„Ralf Frisch über einen Advent im Nebel – und was eine verschlossene Tür über die Zukunft der Kirche verrät“

