Das infantile Mißverständnis

Bonhoeffer

Bonhoeffer neu gelesen: Eine theologische Klärung dessen, was „Kindschaft“ wirklich bedeutet – jenseits religiöser Klischees und moderner Infantilität.

Das infantile Missverständnis

Vom Weimarer Superintendenten erreichte mich die Einladung, eine Andacht anlässlich des 100. Geburtstags von Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) zu halten: am 4. Februar 2006, am authentischen Gedenkort, in der Keller-Ruine der SS-Kaserne, im vormaligen KZ Buchenwald – dort, wo Bonhoeffer, wenige Tage vor seiner Ermordung im KZ Flossenbürg, inhaftiert war. Ich hatte mir vorgenommen, einige Gedanken zum allseits bekannten Bonhoeffer-Lied „Von guten Mächten“ vorzutragen. Tags zuvor, ich war im Zug unterwegs von Berlin nach Weimar, las ich in der „Berliner Zeitung“ einen merkwürdigen Text, der mich irritierte und provozierte. Verfasst hatte ihn der langjährige Intendant der „Berliner Volksbühne“ Frank Castorf (*1951). Damals gehörte diesem renommierten, äußerst vielseitigen Theatermann, Samstag für Samstag, eine BZ-Kolumne, unter der Rubrik „Gedanken zur Zeit“.

Für den fraglichen Samstag stand sie unter der Headline „Die Ohnmacht der Despoten“. Castorf beschrieb hier zunächst, gut lesbar und durchaus nachvollziehbar, die Problematik und die Gefahren der „deutschen Untertanen-Mentalität“: Die perverse Freude an der Unterwerfung und Selbst-Verkleinerung, bei gleichzeitiger Lust an der Denunziation und Beherrschung anderer, zumeist wehrloser Mitmenschen: „nach oben buckeln, nach unten treten“, nennt der Volksmund diese Unsitte.

Mitten in diesem Text, relativ unvermittelt, zitiert Castorf Bonhoeffer – nicht ganz korrekt: aus „guten Mächten“ werden „Gottes Arme“. Doch dem Sinn nach ist es stimmig: In Gottes Armen wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Unmittelbar daran anschließend schreibt Castorf: Erwachsen sind wir, wenn es uns gelungen ist, diesen Glauben abzulegen, wenn wir uns nicht mehr im Aufschauen zu einer höheren Instanz unserer Identität versichern müssen, sondern selbstbestimmt als mündige Bürger unseren „eigenen Verstand ohne Anleitung anderer benutzen“.

Ich denke, wir können Castorf, und damit vielen unserer Zeitgenossen, recht geben, dass der historisch-kritische Blick zurück – insbesondere auf das 20. Jahrhundert – Abgründe menschlicher Unmündigkeit offenbart. Darüber hinaus ist es ein wesentliches Kennzeichnen einer kritikfähigen und (tatsächlich) aufgeklärten Kirche, darauf zu verweisen und aus dem Wissen zu handeln, dass auch in der eigenen Geschichte und Gegenwart (!) beklagenswerte Beispiele für religiöse Verführung und ideologische Verblendung zu finden sind.

Also: Es gibt gute – oder genauer gesagt: schlechte Erfahrungen –, die es uns nahelegen, dem anti-autoritären Impuls Castorfs einige Schritte zu folgen. Seine Christentumskritik, in der Form einer knappen Auslegung eines Textes von Dietrich Bonhoeffer, führt uns allerdings zu der Frage, ob er mit seiner anti-religiösen Spitze das selbstgesetzte Ziel des aufgeklärten, mündigen Bürgers nicht auch haarscharf verfehlen kann. Es sollte dem DDR-sozialisierten Frank Castorf nicht entgangen sein, dass die Despoten des 20. Jahrhunderts und viele ihrer Gefolgsleute sehr wohl für sich in Anspruch nahmen, dass es ihnen rundum „gelungen ist, diesen Glauben abzulegen“. Ja, mehr noch: Sie schickten sich an, diesen Glauben in all seinen Erscheinungsweisen verächtlich zu machen und zu verfolgen. Im Zentrum ihrer anti-christlichen Angriffe stand und steht häufig der Vorwurf, Christen seinen infantil, kindisch, unerwachsen. Trifft Frank Castorf überhaupt den Sinn der christlichen Rede von der Gotteskindschaft? Nein! Wie aber ist „Kindschaft“ im Kontext biblischer Theologie zu verstehen?

Werfen wir dazu einen Blick auf den Theologen Dietrich Bonhoeffer.[1] Im dritten Kapitel seiner Habilitationsschrift „Akt und Sein“ argumentiert er anthropologisch, in klassisch typologischer Manier (d. h. in der wechselseitigen exegetischen Bezogenheit des Alten auf das Neue Testament und umgekehrt): das „Akt-Sein-Problem in der konkreten Lehre vom Menschen ‚in Adam‘ und ‚in Christus‘“.[2] Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Bonhoeffers Zeitauffassung der Chrono-Logik des für den Westen prägenden linearen, „fortschrittlichen“ Zeitverständnisses entgegensteht. Seine Theo-Logik plädiert für ein einzigartiges Zusammenspiel von präsentischer (gegenwärtiger) und futurischer (zukünftiger) Eschatologie im Neuen Testament, d.m. die Lehre von den „letzten Dingen“, den biblischen Vorstellungen von Ego-Sucht und der Erlösung aus derselben, von Tod und Auferstehung, von Weltgericht und Vollendung der („gefallenen“) Schöpfung. Im Kern bedeutet dies die Aufhebung unserer (heil-los) chronologischen Fixierung: unser „schneller, höher, weiter Streben“ oder, ironisch gesprochen: „wo ich nicht bin, ist das Glück“. Wir sind eingeladen zu einem bewussten, zu einem „gefüllten” Leben im „Jetzt und Hier“: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils“ (2. Korinther 6,2).

Bonhoeffer beendet seine wissenschaftliche theologisch-philosophische Qualifizierungsschrift mit knappen Überlegungen unter der Überschrift „Bestimmtheit des Seins in Christus durch die Zukunft. Das Kind“ und gibt uns eine Vorstellung davon, was „Kindschaft“ und Erwachsen-Sein, „Knechtschaft“ und Freiheit, Unmündigkeit und Mündigkeit in christlicher Perspektive bedeuten und bewirken können und sollen.

Im reinen Gerichtetsein auf Christus kommen Dasein und Wiesein wieder zurecht. […] das echolose Schreien aus der Einsamkeit in die Einsamkeit des Selbst, der Protest gegen Vergewaltigung jeder Art hat unerwartet Antwort erhalten und löst sich nach und nach zum stillen, betenden Gespräch des Kindes mit dem Vater im Worte Jesu Christi. Das gequälte Gewissen um die Zerrissenheit des Ich findet im Blick auf Christus das ‚fröhliche Gewissen‘, Trauen und Wagen. Der Knecht wird frei. Der in Fremde und Elend zum Mann Gewordene wir in der Heimat zum Kind. Heimat ist die Gemeinde Christi, immer ‚Zukunft‘, ‚im Glauben‘ Gegenwart, wie wir Kinder der Zukunft sind […].[3]

Dieses von Bonhoeffer aus dem Neuen Testament (Lukas 15,11–32; Matthäus 18,1–5 par., Galater 4, 3b‑7 u.a.) gewonnene Verständnis von Kindschaft hat nichts zu tun mit regressiv-frömmelnder Kindlichkeit oder einem Kindisch-sein, wie Castorf es unterstellt. Und es ist auch fern jener (postmodernen) Infantilität im Sinne eines „Kinder an die Macht“, von der Herbert Grönemeyer singt.[4] Im Fokus steht hier vielmehr der erwachsene Mann, die erwachsene Frau, die die entwicklungspsychologischen Herausforderungen von Pubertät und Adoleszenz erfolgreich gemeistert haben und einem mündigen Menschsein entgegenstreben. Als Erwachsenen gilt uns (gemäß 1. Mose 3,5) der Segen-Fluch des „adamitischen“, des „sündigen“, von Gott getrennten Menschen. Der Mensch, der mit geöffneten (der Welt zugewandten) Augen, wie Gott zu sein beansprucht und zwischen Gut und Böse unterscheiden muss, um verantwortlich leben zu können. Gemeint ist der sterbliche, dem Paradies der Kindheit entwachsene „homo sapiens sapiens“, der dennoch als „Ebenbild Gottes“ gemacht und gemeint ist (1. Mose 1,27). Menschen, die elterliche Liebe und Autorität, gute Bildung und Mitmenschlichkeit erfahren haben, sind in der Lage, ihre anthropologisch vorgegebene Ambivalenz, die merkwürdige „Gebrochenheit“ des Lebens, die „unverschuldete Schuld“ des Menschseins (die „conditio humana“) ehrlich und selbstbewusst zu akzeptieren und zu reflektieren. Von dort her, gegen jede moralistische, sexualisierte, repressive augustinische Deutung von „Erbsünde“, führt der Weg zur „Entdeckung der Menschlichkeit“.[5]

Paul Ricœur (1913–2005) bezeichnet jenes „Erwachsensein als Gotteskind“ als „zweite Naivität“. Diese zweite Naivität versöhnt die spielerische Sensitivität, Spiritualität und Leichtigkeit des Kindes mit der Rationalität, Verantwortungsbereitschaft und Urteilskraft des Erwachsenen. Mit diesem menschen- und gotteskindlichen Blick kann die Welt und die Geschichte mit ihren Katastrophen und Kriegen ebenso wie mit ihren Schönheiten und Wundern gesehen werden. Die meisten biblischen (oder auch andere sinnvolle) Texte können somit in ihrem Eigensinn erkannt und gedeutet werden. Dieser wirklich „aufgeklärte“ und zugleich für das Mysterium des Glaubens empfängliche Blick ermöglicht die Unterscheidung zwischen „erfüllter“ und „verlorener“ Zeit, zwischen „kindisch-sein“ und „Gotteskind-sein“.[6]

Diese Unterscheidung kann aber auch misslingen. Häufig geschieht dies mit schwerwiegenden Folgen. Zum Beispiel, wenn die eben beschriebenen Kategorien und theologisch-anthropologischen Einsichten missachtet oder abgelehnt werden. Wenn Kinder nicht als Kinder gesehen, vorbehaltlos geliebt und geachtet werden. Wenn den Heranwachsenden und Jugendlichen in den Phasen und Projekten ihrer überschießenden Energie und in ihrem pubertären, entwicklungsnotwendigen Protest nicht mit Klugheit, Weisheit und Autorität begegnet wird, sondern wenn sie (wie heute gelegentlich zu beobachten) in einer Art „Jugendwahn“ als „heldenhafte“ Kämpfer eines modernen „Klima-Kreuzzuges“ gefeiert werden, einem „Kreuzzug“, der, wie Josef Schnelle meint, „[…] vielleicht gerade heute neu erfunden werden müsste“.[7]

Der kurze Blick auf das Verständnis von „Kindschaft“ bei Dietrich Bonhoeffer lässt deutlich werden, dass Frank Castorf (ich denke: ungewollt) einem doppelten infantilen Missverständnis aufgesessen ist. Er steht damit beispielhaft für zahlreiche, sich aufgeklärt dünkende Christentumskritiker. Zum einen verfehlt er mit seiner (Fehl-)Deutung christlichen Glaubens als „Aufschauen auf eine höhere Instanz“ die zentrale Denk- und Suchbewegung, die aus der „Freiheit eines Christenmenschen“ (Martin Luther, 1520) erwächst. Sie vollzieht sich in der täglichen Übung, als erwachsener, urteilsfähiger und verantwortungsbereiter Mensch zugleich in der „zweiten Naivität“ eines unverstellten, phantasievollen und tatkräftigen Gotteskindes zu sein und zu handeln. Zum anderen birgt die Castorfsche Einladung, „diesen Glauben abzulegen“, die Gefahr einer „zweiten Infantilität“ – die Infantilität einer einseitig verstandenen Aufklärung.[8] In dieser Haltung begegnen uns (vermeintlich) erwachsene Zeitgenossen, die ihr lebenslanges Angewiesensein und ihre Suche nach Geborgenheit leugnen oder verdrängen und denen (vielleicht auch deshalb) die Offenheit und Weite der Kindheit abhandengekommen ist. Insbesondere jenen gilt die Warnung des Nazareners: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Matthäus 18,3)

Folglich kann man Bonhoeffers Lied „von guten Mächten wunderbar geborgen“ auch als eine poetische Bitte lesen und vor allem singen: Als ein Ermutigungs- und Geborgenheitslied – wider die trotzige Infantilität der Erdenschwere, für die himmlische Leichtigkeit der Söhne und Töchter Gottes!

 


 

  1. Zum Folgenden vgl. Thomas A. Seidel, Vom Unheil der Heilsgeschichte. Karl Löwith und die theologische Urteilskraft in der Postmoderne, in: Bild der Welt und Geist der Zeit. Dem Zerfall von Kirche und Gesellschaft begegnen, hg. v. Sebastian Kleinschmidt, Friedemann Richert und Thomas A. Seidel. Leipzig 2024, S. 279–324.
  2. Vgl. Dietrich Bonhoeffer, Akt und Sein. Transzendentalphilosophie und Ontologie in der systematischen Theologie. Gütersloh 1931, S. 135–161.
  3. Ebd.
  4. Kinder an die Macht ist ein Popsong von Herbert Grönemeyer von 1986; dazu Anke Götzmann, in: Entwicklung politischen Wissens in der Grundschule. Wiesbaden 2015, S. 7: „Grönemeyers Lied […] zeigt ein kindliches Politikverständnis, das Kindern nur eine äußerst beschränkte und sehr eindimensionale Wahrnehmung des Politischen zuschreibt. Kinder treffen noch keine Unterscheidungen zwischen gut und böse; sie kennen weder Rechte noch Pflichten. Als moralisch-humoristische Aufforderung an Erwachsene, ihre Einstellung noch mal zu überdenken, mag es angebracht sein. Betrachtet man es jedoch als Spiegel für das politische Wissen von Kindern in der Gesellschaft, erscheint es defizitär.“
  5. Vgl. Annette Weidhas, Was den Menschen zum Mensch macht. Zur theologischen Notwendigkeit des Sündenbegriffs, in: Bild der Welt und Geist der Zeit, Anm. 1, S. 81–108 sowie Thomas A. Seidel, Humanität, Humanismus und die Entdeckung der Menschlichkeit, in: Thomas A. Seidel und Sebastian Kleinschmidt (Hg.): Coram Deo versus Homo Deus. Christliche Humanität statt Selbstvergottung. GEORGIANA. Neue theologische Perspektiven, Bd. 6, Leipzig 2021, S. 13–75.
  6. Paul Ricœurs Philosophie setzt die Entmythologisierung des Glaubens bei Rudolf Bultmann voraus und geschieht im Erschrecken über den Holocaust und die Atombombenabwürfe des zweiten Weltkriegs. Vgl. Paul Ricœur: Phänomenologie der Schuld, Bd. 1: Die Fehlbarkeit des Menschen; Bd. 2: Symbolik des Bösen, Freiburg i.Br./München 1971.
  7. Siehe Josef Schnelle, Kreuzzug der Abgehängten, in: SZ (Süddeutsche Zeitung) vom 30.03.2019: Gab es den Kinderkreuzzug von 1212 wirklich?
  8. Vgl.: Alexander Kissler, Die infantile Gesellschaft – Wege aus der selbstverschuldeten Unreife. New York 2020.
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