Weihnachten – Die Geschichte einer heilvollen Verwicklung

Karte Israel

Günter Thomas

Die Geschichte einer heilvollen Verwicklung

 

Warum in aller Welt ist Weihnachten ein Fest der Freude? Warum werden wir, alle Menschen und die Christen im Besonderen, zum Jauchzen und Jubilieren aufgefordert? Was treibt den Überschwang an Freude, der das Schenken so leicht macht? Warum sollen wir uns in dieser fürchterlichen Welt nicht fürchten?

Die Antwort ist einerseits einfach und anderseits schwer zu verstehen. Noch niemals zuvor ließ sich Gott in die menschliche Geschichte so intensiv und unauflöslich verwickeln. In Bethlehem beginnt ein neues Kapitel von Gottes Verwicklung mit der Welt.

Schwer zu begreifen ist diese mächtige Verwicklung, weil ein Missverständnis so verführerisch nahe liegt – ein Missverständnis, das den Elan des Jauchzens und Jubilierens mit einer langen Bremsspur versieht.

Worin besteht nun das Missverständnis? In unserem Feiern lassen wir uns auch dieses Jahr an das Damals erinnern. Damals war der Stall. Wir inszenieren in jedem Krippenspiel die damalige Herbergssuche, die damalige Flucht. Wir lassen in unseren Stories etwas von dieser History durchschimmern. In unseren Erinnerungen lebt die damalige Geschichte wirksam weiter. Was damals begann, setzen wir heute fort. Und genau hier beginnt das Missverständnis, das die Pointe der Weihnachtserzählung verfehlt. Aus der für uns Heutige illusionslosen Erkenntnis heraus, dass die Story wohl niemals History, sondern nur eine Projektion blühender Phantasie war, muss das Erzählte zu unserem Projekt werden. Das Damals ist Vorbild, Ansporn, Impuls, Modell und Anregung. Damals ist wohl damals, aber das Damals eignen wir uns an. Die erzählte Geschichte wird zum Auftakt unserer Geschichte der Befreiung, unserer Fürsorge und Solidarität, unserer Barmherzigkeit und Güte. In dieser Tradition stehen wir und wollen wir stehen. Das ist unsere Geschichte. Diese Geschichte hat uns etwas zu sagen. Wir in der Gegenwart lernen durch das Vorbild Jesus etwas aus dieser Vergangenheit für unsere Gegenwart. Das Kind steht dann in unserer Geschichte – als so ferner wie naher Ideenspender und Motivationsverstärker, als Bruder und Freund, als Coach, Lehrer, Meister und Animateur.

Doch dies ist – wie gesagt – ein Missverständnis. Vielleicht ein ungemein produktives, weil es die vermeintliche Illusion in einen Stein des Anstoßes zu unserer Transformation der Welt transferiert. Aber letztlich eben doch ein Missverständnis. Zumindest was das Weihnachtsfest betrifft. Denn die Botschaft von Weihnachten als Projekt der menschlichen Selbstbefähigung ist eine trostlose und freudenbefreite Weihnachtsbotschaft.

„Fürchtet euch nicht!“ heißt es, weil Weihnachten eine Etappe der Gottesgeschichte ist, genauer gesagt ein singuläres Ereignis in Gottes engagiertem Weltabenteuer ist. Einem Abenteuer, in dem Israel, die Kirche und so manche andere Akteure vorkommen.

Gott kommt und lässt sich in unsere Geschichten verwickeln – nicht weil die Welt noch einen weiteren Lehrer und Coach braucht, sondern weil sie einen Retter braucht. Weil wir im Dunkeln sitzen. Dass das Christkind in Windeln gewickelt in der Krippe liegt, ist auch Sinnbild der Tatsache, dass genau dort, in dieser Krippe, Gottes Geschichte auf intensivste Weise mit der Geschichte der Welt verwickelt ist. Der Hauptakteur im Weihnachtsdrama ist nicht der Mensch, sondern Gott, der im Kind in der Krippe in diese Welt interveniert.

Gott kommt an Weihnachten nicht als Treiber, sondern als Getriebener. Er kommt als einer, der von Sorge und Erbarmen getrieben ist. Er kommt als einer, der von der Menschensuche bewegt ist. Er kommt uns und der Erneuerung der Welt zugute. Diesem Kommen Gottes liegt eine göttliche Diagnose zugrunde. Und zwar eine illusionslose Diagnose. Man könnte formulieren: „Und Gott sah: ‚Sie schaffen es nicht!‘“ An Weihnachten müssen wir uns sagen lassen: „Macht euch keine Illusionen. Ihr schafft das nicht mit der Gerechtigkeit, mit der Freiheit und mit dem Frieden. Ihr schafft das nicht mit der Wahrheitssuche, mit der Humanität und mit der Barmherzigkeit.“ Das ist der Kern der Weihnachtsgnade: Weil Gott weiß, dass wir uns nicht selbst aus Angst, Not und Pein zu befreien vermögen, mobilisiert Gott nicht uns, sondern sich selbst. Wenn wir uns doch bewegen und motivieren lassen, dann sind das Gesten der Antwort. Diese Gesten sind nicht das Christusereignis selbst. Wir sind nicht der Heiland. Allen unseren mehr oder weniger fragwürdigen Bewegungen geht die Bewegung Gottes voraus. Er ist der Retter.

Dieser Retter tritt ein in eine Welt vielfältiger Sehnsüchte. Er kommt in eine Welt der gewaltbereiten Hoffnungen, der stets scheiternden Rettungsphantasien, der Lüge. Er riskiert, sich einer Welt der unbegrenzten Selbstüberschätzung und Illusionsbereitschaft auszusetzen. Auf diese Welt lässt sich Gott in Christus ein. In diese Geschichten lässt er sich verwickeln. Eng, intensiv und unwiderruflich. Bis zum Ende. Bis zur Auferstehung der Toten. Das Weihnachtsevangelium besteht in der Tatsache, dass die Welt Gott nicht mehr los wird – Gott den Schöpfer, Gott den Retter, Gott den erneuernden Geist. An Weihnachten feiern Christen Gottes Protest gegen alle Gottlosigkeit der Welt. Selbstbewusst und getröstet. Keine Nacht kann dieses Licht verschlingen.

Auch an diesem Weihnachtsfest mutet uns Gott den Fürchterlichkeiten der Welt zum Trotz furchtloses Jubilieren zu. Ja, dieses Jubilieren ist eine Zumutung. Aber es ist auch eine Weise der Ermutigung zur Weihnachtsfreude. Lassen wir uns hineinverwickeln in Gottes Geschichte mit der Welt! Wir sind mit unserer Geschichte nicht allein.

Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage! Jauchzet, frohlocket und fürchtet euch nicht!

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