Anbetung. Das Α und Ω der Theologie

Das Alpha Und Omega Der Theologie

Oleg Dik

Anbetung

Das Α und Ω der Theologie

 

Viel Lärm um Nichts?

Menschliche Wahrnehmung ist selektiv, doch historische Erfahrung hilft, die Gegenwart ins Verhältnis zur Vergangenheit zu setzen. So hoffentlich auch bei Krisen. Sie erscheinen uns als allgegenwärtig und erdrückend, solange sie nicht aus größerer Entfernung gesehen werden. Aus historischer und globaler Perspektive lassen sich jedoch unmittelbar erlebte Krisen relativieren. Der Druck kann aus dem Kochtopf entweichen. Ich bekomme Distanz zwischen mich und die Krise und hoffentlich auch einen kühlen Kopf, um entspannt bei Shakespeare Trost zu finden, demzufolge sich Krisen oft als viel Lärm um Nichts erweisen. Denken erfordert die Gelassenheit und das Vertrauen darauf, dass die Welt nicht unmittelbar vor dem Kollaps steht. Sonst schaltet die Angst jegliche rationale Reflexion aus. Die Spätmoderne scheint von multiplen Krisen überrollt zu werden, die auch in der Theologie Widerhall finden.

Um genauer zu sein, scheint sich die akademische westliche Theologie in der Krise zu befinden. Im globalen Süden hingegen blüht die Theologie. Und auch im Westen sind die Laien- und Gemeindetheologien quicklebendig. Ich begleite eine afrikanische Kirche in Berlin-Wedding, die in ein europäisches Netzwerk eingebunden ist. Allein in deren Netzwerk werden die theologischen Broschüren ihres Leiters in einem Ausmaß gedruckt und gelesen, von dem ich als akademischer Theologe nur träumen kann. Warum ist das so? Darum soll es mir im Folgenden gehen.

Krisenschichten

Ähnlich wie an einer archäologischen Ausgrabungsstätte kommen bei der Krise der Theologie verschiedene Schichten zum Vorschein. Auf der oberflächlichsten Ebene lässt sich empirisch ein gesellschaftlicher und institutioneller Bedeutungsverlust von Kirche und akademischer Theologie diagnostizieren. Der drastische Rückgang der Theologiestudenten ist dabei nur ein Indikator. Hierauf gibt es unterschiedliche Antworten, die letztlich darauf abzielen, die Relevanz und Nützlichkeit der Theologie für die Gesellschaft aufzuzeigen. Zum Beispiel plädieren Miroslav Volf und Matthew Croasmun dafür, dass die Theologie sich erneuern könne, indem sie sich auf das größere Ziel hin ausrichtet: Visionen und Wege zum blühenden Leben (flourishing life) im Licht der Selbstoffenbarung Gottes zu artikulieren.1

Im gegenwärtigen Relevanzverlust von Theologie offenbart sich eine tiefere Erosion. Seit dem Mittelalter hat die Theologie zunehmend ihre Stellung innerhalb der Universität eingebüßt. Von der Königsdisziplin ist sie zur praktischen Wissenschaft mutiert, überwacht von der Kantschen Vernunft, die die Grenzen markiert. Ich musste beim Lesen von Kants „Der Streit der Fakultäten“ unfreiwillig an meine Kinder denken, die wir in ein Laufgitter setzten, damit sie nicht wild umherrennen und sich verletzen oder Schaden anrichten. Seit der Aufklärung steht die Theologie zunehmend mit dem Rücken zur Wand. In der Folge hat sie eine Verteidigungshaltung eingenommen, deren oberstes Ziel es ist, sich selbst und den anderen ihre Wissenschaftlichkeit zu beweisen. Dies tut sie auf unterschiedlichen Wegen. Schleiermacher hat das Kantsche Diktum akzeptiert und die Religion in die tiefsten existentiellen Schichten verbannt, wo sie nicht von der Vernunft zersetzt werden kann. In der menschlichen Subjektivität könne die Religion den rationalen Frost überdauern. Doch führt diese Apologie auch zum Schrumpfen der Religion als universal-normativer Interpretationsrahmen. Der Theologie fällt es seit der Aufklärung schwer, ihr Zentrum sui generis zu definieren. Wenn Gott dem Menschen nur vermittelt zugänglich ist, dann kann die Theologie auf Gott nur indirekt verweisen. Theologie als deskriptive Wissenschaft versucht Gott in der menschlichen, historischen Erfahrung (Psychologie und Geschichte), in der Sprache und in der christlichen Lebensform (Sprachphilosophie und Soziologie) und in Denksystemen (Philosophie) aufzuweisen. Durch hermeneutische Methoden werden noch die letzten Zuckungen des dahinsiechenden Christentums in der gegenwärtigen Kultur aufgespürt. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zur Hegelschen Synthese, die die Bruchstücke aufhebt, damit die gnostische Gottheit wieder zu sich selbst kommt. Der Mensch hilft Gott, sich selbst zu erlösen.

Diese scheinbare Bescheidenheit wird gestützt durch die rigorose Anwendung der Methoden aus anderen Disziplinen. Dadurch beweist die Theologie sich und den anderen ihre Wissenschaftlichkeit. Doch erscheint sie zunehmend wie ein Teenager mit Minderwertigkeitskomplexen, welcher nach der Anerkennung heischt. Minderwertigkeit führt oft zur Überkompensierung. Einige Theologen würden vielleicht insgeheim aufatmen, wenn theologische Fakultäten einfach aufgelöst würden und die Bibelwissenschaftler zu den Philologen, die Systematiker zu den Philosophen, die Kirchenhistoriker zu den Historikern und die Praktischen Theologen zu den Soziologen/Kulturwissenschaftlern wechseln könnten. Sie würden den Wechsel gar nicht bemerken und genauso, aber mit weniger Rechtfertigungsdruck, weiterarbeiten können. Die Reform zur Auflösung der Theologischen Fakultäten und der Aufteilung ihrer Fächer auf die säkularen Disziplinen, mindestens jedoch das Bestreben, die theologischen Fächer unter „Religious Studies“ nach US-amerikanischem Vorbild zu bündeln, hat schon begonnen. Es gibt immer wieder Vorschläge zur Rückgewinnung der Einzigartigkeit der Theologie, die jedoch wie vergebliche Rückzugsgefechte wirken. So hat sich Moltmann kurz vor seinem Tod ein wenig nostalgisch an die Zeiten erinnern, als die Theologen in ihrem Widerspruch noch von anderen Disziplinen ernst genommen wurden. Er beklagte die gegenwärtige Situation, die durch harmonische Umarmung einschläfere. Er forderte die Theologie zum mutigen Streit auf.2 Irgendwie erinnerte mich die Lektüre an die älteren US-Blockbuster mit Bruce Willis „Die Hard“, außer dass hier ein happy end sehr unwahrscheinlich ist.

Die tiefste Krise offenbart sich jedoch innerhalb der Theologie selbst. Der „garstige Graben“ verläuft heute zwischen der christlichen Lebensform (Kirche) und dem Versuch ihres rationalen Explizierens (Theologie). So haben einige Historiker und Theologen seit der Aufklärung einen grundsätzlichen Widerspruch zwischen dem „Christlichen“ und der „Theologie“ postuliert. Von Harnack sieht im Versuch der Übersetzung der jüdischen Religion in die griechischen Denkstrukturen eine Entwicklung hin zur Gnosis.3 F. C. Baur schlägt den weiten Bogen der Gnosis von Marcion bis hin zu Schleiermacher und Hegel.4 Die pessimistische Sicht der Möglichkeit einer christlichen Theologie gipfelt im Denken von Franz Overbeck. Demnach zerstöre die Theologie die Lebensform, aus der sie hervorgegangen ist.5 So, wie die Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt, so verbeißt sich die Theologie in die Lebensform, aus der sie hervorgegangen ist. Overbeck, der mit Nietzsche befreundet war und mit ihm einen regen Austausch hatte, war auch der Theologe, der die Wende in Karl Barths Denken hin zur dialektischen Theologie mitverursacht hat. Diese zersetzende Wirkung der Vernunft, die den lebendigen Organismus zerlegt, hat auch Von Balthasar erhellt. Er verglich die moderne Theologie mit einem Fleischwolf.6 Alles Lebendige wird durch die zerhackende Vernunft durchgejagt und heraus kommt eine tote Masse. Wie kann es dann anders sein, als dass die Vernunft am eigenen Zynismus7 verzweifelt?

Krise als Grund für Theologie

Ich denke nicht, dass die oberflächlichen Krisen gelöst werden können. Charles Taylor hat treffend bemerkt, dass das blühende Leben (flourishing life) im Christentum erst durch die Transzendierung jeglicher immanenten Vorstellungen vom guten Leben entsteht.8 Anders ausgedrückt: Wer keinen archimedischen Punkt außerhalb hat, wird den ruhenden Körper nicht heben können. Christliche Theologie, die ihren primären transzendenten Bezug verliert, wird auch nichts mehr über das Immanente sagen können. Sie verliert ihre Einzigartigkeit und steigt, nach Anerkennung heischend, in den Wettbewerb mit anderen Wissenschaften ab. So sehr ich Moltmanns Forderung willkommen heiße, fürchte ich doch, dass es derzeit illusorisch ist zu hoffen, die gegenwärtige Theologie wage es, die säkularen Wissenschaften neu herauszufordern. Byung-Chul Han hat die Gegenwart mit der adipösen Positivität verglichen, die jegliche Differenz durch ihre Umarmung erstickt.9 Der Widerspruch würde den Austritt nicht nur aus den Diskursräumen, sondern auch aus den Büroräumen, an die Bordsteinkante der Wirklichkeit, erfordern. Doch wer verlässt schon gerne seinen Schreibtisch in einem abschließbaren Büro?

Ich möchte hier keine Lösungen für die oberflächlichen Krisenschichten anbieten, sondern zuerst eine neue Sehweise skizzieren. Handeln setzt die Wahrnehmung des Horizonts voraus. Aus theologischer Perspektive ist die ursprünglichste Krise der einzige Grund für die Notwendigkeit der Theologie. Im harmonischen „Wohnen Gottes bei den Menschen“ brauchte der Mensch keine Theologie. Er konnte Gott direkt fragen. Er konnte Gottes Gesicht sehen. Erst der Zerbruch der Gemeinschaft erfordert ein Medium der Überbrückung. Die Erinnerung durch orale Tradition und später durch schriftliche Kodierung, dient als temporäre Lösung der Krise. Weil Gott selbst nicht direkt bei den Menschen wohnt, wird sein Wort durch die Propheten und die Schrift vermittelt. Zumindest kann der Mensch so indirekt mit ihm eine Beziehung aufbauen. Durch Jesus wird das Wort Gottes Fleisch, es ist die Wiederherstellung der paradiesischen Gemeinschaft, wo Gott mit den Menschen umherwandelte. Die Ausgießung des Heiligen Geistes ermöglicht diese enge Gemeinschaft, doch wird das geschriebene Wort nicht obsolet, weil die ursprüngliche Gemeinschaft noch nicht in Vollkommenheit erreicht ist. Der Heilige Geist hilft bei der Interpretation der Bibel, die vom fleischgewordenen Wort Gottes Zeugnis gibt. Solange der Mensch also Gott nicht wieder von Angesicht zu Angesicht schaut, wird Theologie notwendig bleiben. Die besten gegenwärtigen Theologien bilden Ableitungen aus der normativen Theologie des biblischen Kanons.

Zwischenfrage: Kann es eine freie, eigenständig – kritische Theologie geben?

Ich höre sie schon, die „kritische“ Zwischenfrage, die gleichzeitig in vielen Köpfen aufflammt. Jeder für sich wähnt sich als individueller Denker. Aber wir alle schwimmen gemeinsam im ideengeschichtlichen Strom. Wenn der Lebenssitz der Theologie in der Anbetung der Kirche ist, wie der Titel meines Beitrags insinuiert, wie verhält es sich mit dem aufklärerischen Anspruch der Theologie, eine freie, eigenständig-kritische Unternehmung sein zu wollen? Ja, sie kann es, aber nur indem sie durch ein demütigendes Paradoxon-Nadelöhr hindurchgeht.

Die Theologie ist nur insofern frei, als sie sich bewusst in den Dienst der Kirche stellt. Der Mensch ist ein Beziehungswesen. Die Schöpfungsgeschichte beschreibt den Menschen als ein auf Gott ausgerichtetes Geschöpf, welches in Beziehung zu Natur, Mitmenschen und sich selbst im Werden ist. Neurowissenschaften bestätigen diese Beobachtung. Durch die Plastizität des menschlichen Gehirns wird es kontinuierlich durch die Interaktion mit der Umwelt geformt. Die Theologie als reflexive Tätigkeit kann daher nicht ausschließlich frei von … sein, sondern muss auch positive Freiheit formulieren. Sie kann, mit Luther gesprochen, sich nur entscheiden, wem sie dienen möchte. Aber sie wird dienen. Wenn ein Theologe sich nicht bewusst zur Freiheit der Liebe entscheidet, wird er unbewusst einem anderen Herrn dienen. Leider haben Theologen zu oft die Rolle der nützlichen Idioten ausgefüllt, indem sie Gott übersetzten und ihn somit auch zähmten und an die Kette legten, um den Zeitgeist zu sakralisieren und eigene Machtposition zu rechtfertigen. Es gibt eine Anekdote, wonach Trotzki, als der intelligenteste Bolschewik, Lenin geraten haben soll, deutsche Theologen nach Russland einzufliegen, anstatt die orthodoxe Kirche gewaltsam zu unterdrücken. Ich denke, dass diese Anekdote den deutschen Theologen nicht ganz gerecht wird, denn viele Theologen nach der Aufklärung haben versucht, den christlichen Glauben durch Übersetzung zu verteidigen. Doch genau darin ist auch Hybris verborgen. Wenn ich jemanden verteidige, dann stelle ich mich oft unbewusst auch über ihn. Aus Kants und Schleiermachers Verteidigung ist eine Zähmung Gottes durch die Aufhebung seiner Unverfügbarkeit, Lebendigkeit und Wirksamkeit geworden.

Die Theologie findet das Eigene nur, indem sie sich selbst vergisst. Falls die Theologie versucht, aus der Innenansicht heraus das Eigene zu explizieren, wird sie in ihrer eigenen Fraglichkeit versinken. Das Fragezeichen verkrümmt sich in sich selbst. Der Anfang aber des Christentums, und auch des Denkens, ist das Herausgerissen werden – wie von Balthasar treffend bemerkte.10 Die heroische Erzählung vom zweifelnden Intellektuellen, der sich von der Welt abtrennt, um durch seinen Zweifel durch Gewissheit durchzuringen, wird seit Descartes in verschiedenen Variationen wiederholt. Die Trennung des Denkens von seiner eigenen Geschichte, Sprache und Lebenswelt stellt jedoch keine Vorbedingung für methodischen Zweifel und Wahrheitssuche dar, sondern die Vorstufe zum Wahnsinn. Beim gesunden Verstand wird der regressus ad infinitum (der „Rückschritt ins Unendliche“) durch Vertrauen und Handeln abgebrochen. Luhmann beschrieb hellsichtig, dass aufgrund der Komplexität der Welt ein Mensch ohne Grundvertrauen komplett gelähmt wäre. Er könnte morgens nicht aus dem Bett kommen.11 Ich kann dies bestätigen. Die bis in die letzte Konsequenz sich selbst hinterfragenden Menschen hausen nicht an Universitäten, sondern in Psychiatrien, wo ich sie manchmal als Pastor besuche. Die permanente Verharrung in der Fraglichkeit lässt in mir die Assoziation des gefrorenen Sees aufsteigen, als tiefste Schicht der Hölle aus Dantes Inferno. Das theologische Denken vergisst die Notwendigkeit der eigenen Rechtfertigung in dem Moment, wo sie von Gottes Schönheit, Güte und Wahrheit zur Antwort und nachträglich auch zur Frage herausgerissen wird. Nur der Vergessliche kann etwas aussprechen und stehen lassen. Die anderen schreiben drei Sätze und fügen Seitenweise Fußnoten an. Die Verweise auf das bereits Gedachte und Gesagte heben aber alles auf, bis in letzter Konsequenz nur das Schweigen übrigbleibt. Nur der Naive kann einer demütigen Anmaßung verfallen, dass seine Worte irgendwie bedeutsam wären. Nur der von Gott angesprochene Theologe kann genuin antworten und vielleicht auch eine Frage formulieren. Die Antwort geht der Frage voraus. Und wenn die Frage nicht zur besseren Antwort führt, dann zehrt die Theologie nur parasitär von ihrem Lebenskörper.

Aber, so könnte eingewandt werden, ist es nicht ein Dienst der Theologie an der Kirche, dass sie eine kritische Würdigung und Korrektur von außen anbietet, denn die Kirche kann ja auch irren und die Anbetung kann ja auch zum Götzendienst mutieren. Ja, dies ist der Fall. Und ja, die Theologie kann auch diese kritisch-korrektive Rolle ausfüllen. Kritik kommt etymologisch vom griechischen krinein und trägt die Bedeutung von „Trennung“. Weil der Mensch jedoch ein Beziehungswesen ist, kann er nicht seine Natur zerstören. In dem Moment, wo der Mensch sich im Leben oder Denken von etwas trennt, muss er sich an etwas anderes binden. Trennung geht also immer einher mit Bindung. Aus diesem Netz können wir als lebende Menschen nicht entfliehen. Falls Kritik also zum besseren Leben führen soll, reicht es nicht aus, wenn sie sich nur trennt und das Andere in Einzelteile zerlegt. Sie muss über diese erste Stufe hinausgehen und auch die konstruktive Vision skizzieren. Sie muss metakritisch werden, indem sie die Bedingungen der Kritik durchleuchtet. Lebensfördernde prophetische Kritik steht in der Spannung der gleichzeitigen Innen- und Außenansicht. Der Prophet bekommt durch die prophetische Schau und temporäre Flucht in die Wüste eine Perspektive von außen. Doch gerade, weil der Prophet so der Gemeinschaft in Liebe verbunden bleibt, die er gleichzeitig von außen kritisiert, ist seine Kritik zugleich schmerzvoll und heilend. Er ist wie ein Chirurg, der mit dem Skalpell schneidet. Ihm ist bewusst, dass das Schneiden einem höheren Ziel, nämlich dem Heilen, untergeordnet ist. Ebenso trennt die Kritik als Kunst der Unterscheidung das Wahre vom Falschen, um zur Freiheit der Liebe vorzudringen.

Solch paradoxe Metakritik, die sich der Gleichzeitigkeit von Innen- und Außenperspektive bewusst ist bei gleichzeitiger eigener Begrenzung und höherer Zielsetzung, ist leider viel zu rar im akademischen Kontext. An den Universitäten wird, wie Bruno Latour treffend beschrieben hat, viel zu oft „kritische Barbarei“ betrieben.12 Dabei wird die Kritik als Waffe gebraucht, um die fundamentalen Denkvoraussetzungen des Anderen zu zerstören, ohne die eigenen zur Disposition zu stellen. Der Kritisierte wird pathologisiert, sein Allerheiligstes wird zertrümmert, ohne dass der Kritiker sein Allerheiligstes zum Vorschein kommen lässt. Latour verweist auf die Parallele zwischen der Götzenkritik bei Jesaja und der marxistischen Religionskritik. Der Unterschied liegt jedoch darin, dass der marxistische Kritiker seinen Gott durch vage Ideale versteckt. Latour träumt von einer lebensschaffenden Kritik, die letztlich heilt und das Gute zur Geltung bringt. Er sehnt sich als berühmter Soziologe und Philosoph aus den universitären Tempeln zurück zur prophetischen Kritik, auch wenn er sie als solche nicht benennt. Und diejenigen, die die prophetischen Traditionen kennen sollten, erwarten zu oft naiv die Korrektur aus der Universität. Wenn das Volk Gottes Gott nicht mehr als Gott preist, werden die Steine, Esel und säkularen Akademiker nach Gott und seinen Propheten rufen. Theologie kann also nur kritisch im naiven Modus existieren.

Ein Beispiel von dieser Art naiver Metakritik ist die Antwort von Johann Georg Hamann an Kants „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ Hamann verweist auf die tieferen Bedingungen der Kritik, die letztlich im Mut gegenüber Autoritäten gründen. Schon Aristoteles stellte in seiner Nikomachischen Ethik fest, dass die Tugend des Mutes notwendig der Wahrheit vorausgeht. Doch wo ist die Letztursache der aufklärerischen Vernunft zu verorten? Hamann schreibt:

„Meine Verklärung der Kantischen Erklärung läuft also darauf hinaus, daß wahre Aufklärung in einem Ausgange des unmündigen Menschen aus einer allerhöchst selbst verschuldeten Vormundschaft bestehe. Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang – und diese Weisheit macht uns feig zu lügen und faul zu dichten – desto muthiger gegen Vormünder, die höchstens den Leib tödten und den Beutel aussaugen können – desto barmherziger gegen unsere unmündige Mitbrüder und fruchtbarer an guten Werken der Unsterblichkeit.“13

Hamanns Metakritik entlarvt einerseits Kants Widerspruch. Er befiehlt dem Bürger, sich von denen zu befreien, die befehlen. Dann gräbt Hamann tiefer und verweist auf das eigentliche Problem: Es ist nicht die Unmündigkeit, sondern die Vormundschaft, in der sich auch Kant als Professor gegenüber dem Preußischen König befindet. Somit holt er Kant runter von seinem hohen Ross und macht ihm indirekt klar, dass er als Philosoph nicht über den vermeintlichen Unmündigen steht. Die wahre Kraft der Emanzipation gründet sich jedoch nicht in der Vernunft des Einzelnen, die immer in Abhängigkeiten bleibt, sondern aus der Verankerung in Gott, die den Menschen zum Mut zur Wahrheit animiert. Es entsteht also die paradoxe Einsicht, dass gerade die komplette Abhängigkeit vom Höchsten zur wahren Unabhängigkeit von allen niederen Autoritäten führt.

Der paradoxe Lebensraum der Theologie

Wo und vor allem wie entsteht eine wahrhaft freie, eigenständig-kritische Theologie? Diese Theologie entsteht in der Kirche durch Anbetung. Anbetung ist ganzheitliche Hingabe als Antwort auf Gottes Gnade. In der wahrhaftigen Anbetung verschmilzt das Warum (Mythos), das Was (Ritus) und das Wie (Alltagsethik) zu einer Einheit. Die gemeinsame Anbetung geht der individuellen Reflexion voraus. Die Anbetung ist als Kultur immer mehr als die nachträgliche Explizierung. Die Anbetung kann jedoch durch die Reflexion auch bereichert und korrigiert werden. Insofern steht die Anbetung in fruchtbarer Wechselwirkung zur Theologie, wenn der Theologe sich nicht von der Kirche scheidet. Die Theologie muss sich aus epistemischen Gründen auf einen Ausschnitt konzentrieren. Aber sie darf weder das Ganze vergessen noch sich anmaßen, aus den Einzelteilen die dynamische Anbetung durch ein gnostisches Wissenssystem ersetzen zu wollen. Sie muss sich demütig als eine der vielen Geistesgaben innerhalb des Körpers Christi begreifen, die den Körper aufbaut zur Herrlichkeit Gottes. Wenn die Theologie jedoch Gott vom Gottesdienst oder der christlichen Lebensform abtrennt, dann begeht sie Mord am Körper Christi. Die Zähmung Gottes und die Gottvergessenheit führen auch zur Erosion des Gottesdienstes. Diese Zerstörung zieht längerfristig die christliche Lebensform und Ethik mit in den Abgrund.

Karl Barth, der Overbecks Diagnose in der Tiefe durchdacht hat, verortete die Theologie daher primär im kirchlichen Sozialkörper. Er schlussfolgerte richtig, dass jegliche Theologie, die nicht verkörpert ist, notwendigerweise zur Gnosis verkommt.14 Eric Voegelin hat darauf hingewiesen, dass die Gnosis die christliche Spannung und Paradoxie auflöst. Sie erschafft ein rationales Prokrustes-Gestell, durch welches die Wirklichkeit gepresst wird. Unvorstellbares Leid entsteht dann, weil alles abgeschnitten werden muss, was nicht passt. Ebenso kommt das Denken zum Erliegen, weil der gnostische Seher schon die gesamte Wirklichkeit geschaut hat und es nichts mehr zu denken gibt.15 Insofern ist die Transformation der Theologie in ein gnostisches System nicht nur ein Problem der Kirche, sondern der Gesamtzivilisation, weil aus der pervertierten Theologie Ideologien hervorkriechen, die die Zivilisationen aufzehren. Jedoch kann die Theologie die tiefste eigene Krise durchaus lösen, in der Hoffnung, dass dann aus der geistlich-theologischen Erneuerung das Leben bis an die Oberfläche ausstrahlt.

Aus der zweiten Naivität heraus, aus der kritischen Ent-täuschung, kehrt die akademische Theologie wie ein verlorener Sohn in die Arme des Vaters zurück. Zuerst hat sie gefeiert und das Geld mit Huren verprasst. Doch letztlich ist die Theologie bei den Schweinen angekommen, bettelnd nach der letzten staatlichen Förderung und dem anerkennenden Blick der Kollegen aus anderen Fakultäten. Insofern ist die oberflächliche Krise heilend, weil sie die Theologie hoffentlich wieder in die Arme des wartenden Vaters treiben wird. Erst als kirchliche Theologen können Theologen wieder zu Propheten werden, die sowohl dekonstruieren als auch zu neuen, lebendigen Mustern zusammenfügen. Die Bibel benutzt drastische Bilder: Wende dich ab vom Zuhälter und kehre um zum wahrhaft liebenden Ehemann.16 Doch diese naive Metakritik wird keine Sicherheit bieten wie akademische Kritik, die sich zu oft revolutionär gibt, aber bei näherem Hinsehen als Gratismut entpuppt. Es stellt sich eine grundsätzliche Frage, ob aus der abgesicherten Wohlfühlblase überhaupt ein prophetischer Blick möglich ist. Propheten waren meist in der Anspannung und bezahlten den hohen Preis für ihre Verortung „dazwischen“, außerhalb der Futtertröge der Macht. Daher benötigt diese naive Metakritik eine tiefere, existentielle Sicherheit als das, was die Universität bieten kann. Beamtenstatus und Anerkennung durch Kollegen fühlen sich nur anfangs als Freiheit an, doch führen sie nicht unbedingt zum Mut, sondern leider oft zur Bereitschaft der Selbstverbiegung, um die Privilegien zu erhalten. Der glückliche Sklave ist zugleich auch der loyalste gegenüber seinem Herrn.

Nur in der Eucharistie erfährt der Theologe eine bedingungslose Annahme. Aus ihr heraus kann der Theologe dann, statt durch die Kritik nicht die Anderen skalpieren, zuallererst bei sich selbst durch die Beichte ansetzen. Die Kritik als Tugend ist durch die Beichte zur Geltung gekommen. Ich tue mir selbst und anderen weh, in der Hoffnung, dass wir auf Wahrheit stoßen, die uns befreit. Dies kann ich jedoch nur tun, weil ich mich von der Liebe gehalten fühle. Indem ich mich naiv auf die Sakramente der Eucharistie und Beichte einlasse, wird in mir der Humus zum Wachsen der Metakritik bereitet. Aus der liturgischen Erfahrung der tiefsten Liebe wird der Charakter des Theologen geformt, der dann aus Gottesfurcht feige wird zu lügen. Je mehr ich lerne, in der Gegenwart Gottes zu leben, desto weniger werden mich die möglichen Reaktionen der Menschen auf schmerzvolle Wahrheiten jucken.

In der Liturgie erfährt der Einzelne die Gleichzeitigkeit von Gott, den Mitchristen und der Verpflichtung zur bestimmten Lebensform. In der Eucharistie wird Gott als der radikal Liebende erfahren, der sich in Christus hingibt. Die Natur als Mittlerin wird zur Gabe Gottes. Der ewige Antagonismus zwischen dem Individuum und der Gesellschaft verwandelt sich in dem Moment zur Versöhnung, wenn ich als Person Gott selbst in mir aufnehme und dies mit allen Anderen gemeinsam tue. Meine zutiefst subjektiv-individuelle Erfahrung wird nicht aufgelöst, sondern durch die Gemeinschaft verstärkt. Aus dieser Fülle der Liebe gehe ich in meinen Alltag, aufgeladen mit dem Prinzip der Selbsthingabe. Ich kann diese Sätze nur nacheinander aufschreiben, die Erfahrung manifestiert sich jedoch gleichzeitig. Die Kultur ist immer dichter als die Möglichkeit der Codierung. In der Anbetung manifestiert sich die Einzigartigkeit Gottes. Solange die Theologie sich auf dieses Zentrum hin ausrichtet, wird sie auch zufällig ihre Eigenständigkeit entdecken und ihre Daseinsberechtigung nicht durch Peripherie zu begründen suchen.

Theologie ist, wie der Intellekt insgesamt, nicht befreit von der luziferischen Versuchung hin zur Hybris. Schon Platon beschrieb in seinem Höhlengleichnis, dass derjenige, der die höheren, ewigen Formen geschaut hat, nur ungern wieder in die dunkle Höhle herabsteigt. Dies unterscheidet den Theologen vom platonischen Philosophen. Der Philosoph steigt auf zum Licht durch seinen Intellekt. Der Theologe wird erleuchtet, weil das göttliche Licht herabkommt17 und alles menschliche Sein in ein neues Licht taucht. Insofern bricht der Theologe seine Theologie nicht herunter. Denn es gibt keinen höheren Ort über der Kirche. Die Ekklesia als Leib Christi ist der einzige Ort, der über allen irdischen Mächten und Gewalten steht, überragt und regiert durch das Haupt, nämlich Jesus Christus.18 Der Theologe erlangt die Freiheit, indem er seine Reflexion in den Dienst der Ekklesia stellt und so dem immanenten Zwang und der Logik der institutionellen Wissensmacht entflieht. Seine Kritik an der Institution Kirche kann nur aus seiner Liebe zum Körper Christi entfaltet werden.

Das Ende der Theologie als Neuanfang …

Weil Theologie nicht zu den letzten, sondern zu den vorletzten Dingen gehört, ist ihr Ende genau so sicher wie der Tod. Wie das menschliche Leben auch, kann Theologie auf verschiedenen Wegen enden.

Die Theologie kann Suizid begehen, indem sie sich vom Körper Christi trennt und zur Gnosis wandelt. Gnostische Klarheit verschafft kurzfristig eine Genugtuung durch rationale Kontrolle. Sowohl die Bibel als auch die Kirche sind jedoch polyphone, paradoxe, atmende Organismen. Die Gnosis erschafft Eindeutigkeit und erstickt das Lebendige. Die Gnosis richtet ein System auf und vergisst, dass es nur eine temporäre Stütze sein kann. Das Vorläufige wird zum Letzten. Die gnostische Theologie verfällt dem Wahn, dass sie keinen Körper braucht. Diese Illusion wird durch KI noch eine Weile gestützt. Jeder Götze kracht jedoch irgendwann zusammen, weil er an der Lebenswirklichkeit scheitert.

Die Theologie, die sich selbst vergisst und aufhört, sich selbst zu rechtfertigen, wird unbeabsichtigt neues Leben hervorbringen. Indem Theologie die höchsten Seh- und Denkhorizonte expliziert, wird sie dem in tausende Fragmente zersplitterten säkularen Zeitalter wieder lebendige Metapher und Bilder schenken, die sich säkulare Vernunft nicht selbst geben kann, weil sie, wie Jürgen Habermas richtig bemerkte, immer noch aus den tiefen metaphysischen Quellen schöpft und lebt.19 Theologie wird nur dann wieder an den universitären Tisch eingeladen, wenn sie nicht versucht, zwanghaft ihren Platz zu behalten. Wie die Eltern, die sich für ihre Kinder aufopfern und so die Zukunft ermöglichen, kann die Theologie nur als ancilla servorum Dei neues Leben gebären. Nur als „Dienerin der Diener Gottes“ erlangt die Theologie ihre Relevanz für Kirche und Gesellschaft. Die Theologie als imperfekte Überbrückung kommt an ihr Ende, wenn wir Gott von Angesicht zu Angesicht (1. Korinther 13,12) schauen werden und der Sündenfall als Trennung von Gott überwunden sein wird. So mancher Mystiker, der schon im Jetzt Gott geschaut hat, verstummt. Thomas Aquin hat nach seiner Schau kein Wort mehr geschrieben. Doch die meisten Menschen brauchen noch die vermittelnde Hilfe der Theologie. Die Anbetung markiert also den Anfang und das Ende der Theologie.20 Ihr liebendes Ende setzt einen Neuanfang. In der Ewigkeit, vor dem Gottesthron, werden Menschen aus allen Nationen Gott preisen (Offenbarung 7). Die Unterscheidung zwischen Gott und Mensch wird nicht aufgehoben werden, aber die Trennung wird nicht mehr sein. Vielleicht wird es eine andere Form der Theologie in der ewigen Anbetung geben – aber diese können wir uns jetzt, unter der gegenwärtigen Krise, noch nicht ausmalen.
 
 


  1. Vgl. Miroslav Volf/Matthew Croasmun, For the Life of the World: Theology That Makes a Difference. Michigan 2019.
  2. Jürgen Moltmann, Christliche Erneuerungen in schwierigen Zeiten. München 2019, 14.
  3. Adolf Von Harnack, „Die Versuche der Gnostiker, eine apostolische Glaubenslehre und eine christliche Theologie zu schaffen, oder: Die akute Verweltlichung des Christentums.“ In Gnosis und Gnostizismus, ed. by Kurt Rudolph, Darmstadt, 142–174.
  4. Ferdinand Christian Baur, Die christliche Gnosis oder die christliche Religionsphilosophie in ihrer geschichtlichen Entwicklung. Tübingen 1835.
  5. Franz Overbeck, Über die Christlichkeit unserer heutigen Theologie. Streit und Friedensschrift. Leipzig 1873.
  6. Hans Urs Von Balthasar, Herrlichkeit. Eine theologische Ästhetik. Erster Band, Schau der Gestalt, Einsiedeln, 1961, 167–168.
  7. Vgl. Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, Frankfurt 1983.
  8. Charles Taylor, A Secular Age, Cambridge 2007, 151.
  9. Byung-Chul Han, Die Austreibung des Anderen, Berlin 2016, 8.
  10. Hans Urs Von Balthasar, Herrlichkeit. Eine theologische Ästhetik. Erster Band, Schau der Gestalt, Einsiedeln 1961, 30.
  11. Niklas Luhmann, Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion der Sozialen Komplexität, Stuttgart 1973, 8.
  12. Bruno Latour, Why has critique run out of steam? From matters of fact to matters of concern. In: Critical Inquiry, Chicago 2004.
  13. Johann Georg Hamann, Brief an Christian Jacob Kraus, Königsberg, 18 Dez. 1784. Zit. nach: Ehrhard Bahr (Hrsg.): Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen, Stuttgart 1984.
  14. Karl Barth, Kirchliche Dogmatik, Bd. 1/1, Zürich 1932/1938, 84–89.
  15. Eric Voegelin, Modernity Without Restraint. Columbia 2000.
  16. Siehe das Buch Hosea.
  17. Siehe Johannes 1.
  18. Siehe Kolosser 1.
  19. Siehe Jürgen Habermas, Zeit der Übergänge, Frankfurt am Main 2001.
  20. Auf diese tiefe christliche Wahrheit hat insbesondere Anselm von Canterbury (1033–1109) verwiesen, der die Theologie im kontemplativen Gebet verortet. – Ich danke Dr. Annette Weidhas für ihre sachkundige Korrektur meines Textes.


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