Wes Geistes Kinder sind eigentlich Christen? Ralf Frisch entschlüsselt das eigentliche Bekenntnis des modernen Protestantismus. Zugleich hofft er auf einen theologischen Klimawandel und auf ein Pfingstwunder.
Wenn ein kleiner Junge in einem Trikot herumläuft, auf dessen Rücken die Nummer 10 und der Name Mbappé prangt, weiß jeder, wer dieser Junge gerne wäre und womit er sich identifiziert. Im Blick auf die evangelische Kirche in Deutschland liegt die Sache allerdings etwas anders. Ob ihr Herz wirklich noch am christlichen Glauben hängt, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Viel öfter drängt sich vor allem angesichts der medialen Äußerungen des modernen Protestantismus der Eindruck auf, als sei der Spirit von Christen kaum mehr vom Spirit von Nichtchristen zu unterscheiden.
Aufgrund der immer augenfälligeren spirituellen und metaphysischen Orientierungslosigkeit der vormaligen Volkskirchen in den Kernlanden der Reformation ist die Frage, wes Geistes Kinder Christen sind, brisanter und aktueller denn je. Aktuell ist sie zumal im Horizont des bevorstehenden Pfingstfestes, an dem Christen Gott um das Feuer des Heiligen Geistes bitten. Brisant ist sie, weil sie eine Überlebensfrage ist. Wenn die evangelischen Kirchen in geistlicher Hinsicht keinen Unterschied mehr machen, um den Anschluss an die postchristliche Gegenwart nicht zu verlieren, könnten sie um so schneller der Vergangenheit angehören. Wenn ihr faktisches Credo genuin religiöse Ingredienzien nurmehr in homöopathischer Dosierung enthält, könnte sich ihre Selbsterledigung drastisch beschleunigen.
Was die öffentliche Theologie des theologisch geradezu dementen linksliberalen Protestantismus anbelangt, so bedarf es ja weder einer besonders ausgefuchsten Hermeneutik des Verdachts noch eines nennenswerten Rechercheaufwands, um deren eigentliches Credo aus den diversen Verlautbarungen herauszudestillieren. Es ist ein ziemlich kurzes Credo. Auch in einer Epoche schwindender Aufmerksamkeitsspannen lässt es sich leicht auswendig lernen. Und wahrscheinlich wäre es sogar konsequent, wenn dieses kleine Glaubensbekenntnis in den deutschen Bekenntniskirchen und in den bekenntnisfreien Kirchen der reformierten Schweiz an die Stelle der altkirchlichen und reformatorischen Bekenntnisse treten würde. Konsequent wäre es insbesondere im Blick auf den Geist derjenigen Christenmenschen, die das Heil der christlichen Kirche in der Flucht in ihre Ununterscheidbarkeit von gesellschaftspolitischen Religionsäquivalenten suchen. Und konsequent wäre es nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass die Häresien unserer Zeit längst nicht mehr dogmatischer, sondern nurmehr ethischer Natur sind. Wenn die Shitstorms als Scheiterhaufen der Gegenwart gelten können, dann zeigt sich an den Amplituden der Empörung, was Menschen wirklich für heilig halten. Gott jedenfalls kann man selbst in der Kirche folgenloser diskreditieren als den Klimaschutz.
Apropos Klima. Inmitten des Selbstsäkularisierungsklimas des linksliberalen Protestantismus wäre nichts bitterer nötig als ein Geist des Klimawandels, der den Stier der allgegenwärtigen Disruption des Weltklimas bei den Hörnern packt. Es müsste ein Geist sein, der die tote Christenheit aus dem Schlaf der Unsicherheit weckt und der geistlichen Hoffnungslosigkeit verwegen, mutig und inspirierend trotzt. Es bräuchte mit anderen Worten heute theologische Klimawandler vom Schlage eines Aurelius Augustinus, Martin Luthers oder Karl Barths. Klimawandler, die existenziellen und intellektuellen Trost spenden. Klimawandler, die der Alternativlosigkeit der Welt das Antidot der Anderswelt entgegenhalten. Klimawandler, die einen entscheidenden Unterschied machen. Den rettenden Unterschied von Gott und Welt.
Ich bin mir sicher, dass es diese Klimawandler gibt — im digitalen Raum und im Realraum der Gemeinden, vielleicht sogar in den Kirchenleitungen. Aber noch ist der geistlose Sound der Säkularisierung und der Strukturdebatten hörbarer und lauter. So laut, dass manche geneigt sind, diesen Sound für den Mainstream und sogar für die Wahrheit zu halten. So laut, dass auch Glaubende im Sog dieses Sounds zu zweifeln und das Bekenntnis zum Nichtglauben für die überzeugendere Alternative zu halten beginnen.
Dieses Bekenntnis zum Nichtglauben, das sich unschwer als das eigentliche Glaubensbekenntnis des aufgeklärten, mehrheitlich dunkelgrünrot gekleideten Protestantismus und vieler seiner Führungspersönlichkeiten detektieren lässt, könnte man wie folgt und wie gesagt in wenigen Worten auf den Punkt bringen: „Ich glaube an den Menschen, an die Menschlichkeit, an die Menschenwürde und an die Menschenrechte. Ich glaube an soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Nächstenliebe und Opfersensibilität, an unsere Demokratie, an die Brandmauer und an die Bewahrung der Biosphäre. Ich glaube an den Heiligen Geist des kategorischen Imperativs, an den Postkolonialismus und den interreligiösen Dialog und an das spirituell und sexuell selbstbestimmte Leben.“
Ehe ich Amen sage, wage ich eine prognostische Anmerkung. Je mehr sich Kirchenleitungen und Kirchengemeinden über die Köpfe der traditions- und transzendenzbewussteren, geerdeteren und zugleich gehimmelteren Christenmenschen hinweg nur noch mit einem religiös indifferenten, politmoralisch milieuverengten, humanistisch entgrenzten, allein auf seine sozialethische Relevanz setzenden nachchristlichen Christentum identifizieren, desto unwiderstehlicher und unaufhaltsamer wird der Exodus aus diesem Christentum sein, das Theodor W. Adorno schon vor sechzig Jahren süffisant als seines metaphysischen Oberlichts entledigtes Oben-ohne-Christentum ohne Gott und ohne Zukunft bezeichnete.
Die Kaum‑, Halb- und Nochchristen, die trotz aller Kirchendistanziertheit den Sinn für die rettenden Himmelsfingerzeige der Kirchtürme, für die fremde, erlösungsgesättigte Sprache des Glaubens und für die geheimnisvolle Ästhetik seiner Rituale nicht verloren haben, werden sich zu Recht fragen, warum sie eine solche selbstsäkularisierte Kirche finanzieren sollen, wenn ihnen doch schon Einkommensteuer und Rundfunkgebühren abverlangt werden. Die Hochidentifizierten dagegen werden in Freikirchen abwandern, die von der NGO-Kirche erwartbar als fundamentalistisch diffamiert und als „rechts“ diskreditiert werden. Nach dem endgültigen Verschwinden der Kirche aus dem sichtbaren öffentlichen Raum wird an der Stelle der Platzhalterin der Anderswelt ein geistiges und ein geistliches Vakuum entstehen. Wer glaubt, in diesem Vakuum werde der Geist eines ethisch hochstehenden, toleranz- und differenzsensiblen multireligiösen Humanismus wehen, könnte sich täuschen. Eher dürften die Brachen des transzendental obdachlosen protestantischen Abendlands zumal in Deutschland zu Landschaften ausgebrannter, von Dauerkrisen überforderter, ihrer spirituellen Hoffnungsperspektiven beraubter Identitätsruinen werden. In diese Ruinen eines implodierten Mentalitätsraums werden sich die Dämonen des Nihilismus, des Radikalismus, des Moralismus, des Atheismus, des Antisemitismus und des Islamismus einnisten. Ideologisch polarisierende Rattenfänger, möglicherweise sogar in pseudochristlichem Gewand, werden die trostlosen Identitätstrümmerlandschaften bewusstseinsplündernd durchstreifen.
Aber nicht ein neuer Rattenfänger, sondern nur ein neues Pfingstwunder wird diese Dämonen austreiben und die von allen guten Geistern verlassenen Kirchen des Volkes der Reformation retten können. Dieses Wunder könnte damit seinen Anfang nehmen, dass die Menschen trotz ihrer nachvollziehbaren antikirchlichen Affekte und trotz ihres berechtigten Kopfschüttelns über die Selbstveruntreuung der evangelischen Kirche dieser Kirche die Treue halten. Und zwar deshalb, weil vielleicht selbst den Säkulareren zu dämmern beginnt, dass sie sie eines Tages schmerzlich vermissen werden — spätestens dann, wenn in Europa nichts mehr an den Geist des christlichen Abendlands und dessen jüdische Wurzeln erinnert und wenn endgültig die Ungeheuer ihr Unwesen treiben, die der Schlaf der christlichen Vernunft hervorgebracht hat.

