Lasst die Kirche im Dorf!

Lasst Die Kirche Im Dorf

Gegen eine geistliche Geschichtsvergessenheit, Entwurzelung und einen zweiten Bildersturm

Kirchen sind oft die letzten sichtbaren christlichen Orientierungspunkte im Dorf, nachdem dort Läden, Post, Gastwirtschaft und Rathaus verschwunden sind – häufig ortsbildprägend, jahrhundertealt, Zeugen einer langen Geschichte des christlichen Glaubens und Lebens – über Jahrhunderte hinweg auf- und umgebaut, zerstört und wieder aufgebaut. Die alten Mauern verkündigen, erzählen von Freude und Not, von Angst und Gottvertrauen, von der Geschichte Gottes mit seiner Gemeinde und einzelnen Menschen vor Ort. Diese ganz konkrete (Orts-)Geschichte Gottes mit uns Menschen weiß um gute und schreckliche Zeiten, um Gelingen und Scheitern, um Schuld und Vergebung, um Abbruch und Neuanfang. Sie weiß um das „Dennoch“ des Glaubens, um das „Dennoch“ der Treue Gottes zu seinen Menschen, zu seiner Gemeinde.

Kirchengebäude und deren Ausstattung erzählen von Gott und den Menschen, und sie erinnern uns, erinnern gegen alle Gottvergessenheit:
Der Turm weist wie ein Finger nach oben in den Himmel, die Glocken laden ein zum Gebet, die Ostung der Kirche gibt die Blickrichtung gen Morgen vor, als Jesus aus dem Grab auferstand und das Licht von Ostern die dunkle Nacht vertrieb. Bibel und Kerzen auf dem Altar bezeugen, dass Gottes Wort, ja, Gott selbst das Licht auf unsrem Wege ist. Taufstein und Altar erzählen vom Geschenk der Taufe und des Abendmahls – vom Anfang, den Gott mit uns gemacht hat, von der Stärkung auf dem Weg, von Gottes Segen, der mit uns geht in den Alltag der Welt. Man könnte die Auflistung noch lange fortsetzen und dabei entdecken, wie stark Kirchengebäude mit all ihren Kunstwerken, Orgeln, Sakramentshäuschen und Altarbildern sichtbar und greifbar von Gott erzählen, erinnern, den Ruhm Gottes verkündigen.

Bereits Martin Luther war sich während der großen Umbrüche der Reformation dessen bewusst. Er grenzte sich scharf von den sogenannten Bilderstürmern und Spiritualisten ab, für die sakrale Gebäude mit all ihren Bildern und Schmuck von vorneherein unnützer, weltlicher Tand war, den es zu beseitigen galt. Die Bilderstürmer wollten nur noch das „reine“ Wort, den „reinen“ Geist in den Mittelpunkt stellen und sich von nichts ablenken lassen – dafür reichte ein kahler Versammlungsraum. Auch Musik – erst recht mit Orgelbegleitung – wurde geächtet, weil sie nicht nur den Verstand, sondern auch die Emotionen ansprach.

Die Schweizer Reformatoren entschieden sich für diesen radikalen Weg der Reformation. Zwingli verbot sogar jegliche musikalische Begleitung im Gottesdienst; Musik sei weltlicher Sinnengenuss, den er nur außerhalb des Gottesdienstes mit weltlichen Liedern durchaus genoss, aber eben nicht in der Kirche. Wer weiß heute noch, dass ein ganzes Jahrhundert lang in Bern und Zürich während des Gottesdienstes gar nicht gesungen wurde? Ich nehme an, die Engel haben einhundert Jahre lang darüber geweint, nennt doch Augustinus die Musik die Sprache der Engel. Ob man dadurch dem „reinen Wort“ und Geist nähergekommen ist oder war es doch nicht eher die Geburtsstunde eines oft allzu verkopften, rationalistischen Protestantismus, staubtrocken, theologisch-theoretisch korrekt und doch blutleer, in dem jegliche Sinnenhaftigkeit an sich negativ konnotiert ist und damit auch jegliche Leiblichkeit und sei es nur in der Bewegung der Musik oder in fröhlichen Bildern keinen Raum findet. Wenn aber von vorneherein jeder kirchliche Schmuck, jede Form von Musik und jede Tradition eines unnützen Dienstes oder gar des schädlichen Götzendienstes verdächtigt werden, versäumt man im Eifer des Gefechts, genau zu prüfen, ob sie nicht doch das Evangelium transportieren, nicht nur mit Worten, sondern auch mit Bildern, Symbolen und Gesang.

Martin Luther hat in seiner Schrift „Wider die himmlischen Propheten von Bildern und Sakrament“ von 1525 die Bewegung des Bildersturms und des Spiritualismus mit einer zutiefst geistlich-theologischen Begründung abgelehnt: Gott kommt zu uns durch das äußere Wort, er kommt sichtbar und spürbar, sogar mit den Sinnen schmeckbar im Abendmahl. Das ewige Wort Gottes wurde Fleisch, wurde Mensch in Jesus Christus, wurde leiblich. Wie sollten wir dann die Leiblichkeit des Wortes verachten? Darum bejahte Luther auch Bilder in der Kirche, insofern sie uns die Botschaft des Evangeliums näherbringen. Sie sind für ihn als äußere Mittel nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene nicht zuletzt didaktisch wertvoll. Wer sie zerstört, „reißt Brücken, Stege und Weg, Leiter und alles um“ – so Luther, sie reißen damit Brücken und Stege, Zugänge zum Glauben ab, der eben nicht nur rein rational mit dem Verstand erfasst werden will. So bekennt es bereits der Beter des Psalms 34: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist, wohl dem, der auf ihn trauet!“ (Psalm 34,9)

Heute droht uns wohl ein zweiter Bildersturm, der am Ende noch radikaler ausfallen könnte als der erste vor 500 Jahren. Man gibt über Jahrhunderte auf- und umgebaute, in Kriegen zerstörte und wieder aufgebaute Gotteshäuser weg, als ob sie nur lästige Relikte einer vergangenen Zeit wären und christliche Gemeinde sich auch genauso gut je nach Bedürfnis und Geschmack virtuell und fluide organisieren könne und rein spirituell unterwegs sei. Die Frage nach der Geschichte Gottes mit der je konkreten Kirche mitsamt ihren Licht- und Schattenseiten fällt unter den Tisch, sie ist höchstens noch Spielwiese für ein paar wenige Geschichtsinteressierte. Doch wenn Kirche sich ihrer geschichtlich gewachsenen Orte entledigt, droht Gefahr, dass der Glaube selbst am Ende wie ein unbestimmtes, entwurzeltes Fluidum verdampft und der Leib Christi, die Gemeinde vor Ort, stirbt, weil die Versammlung der Christenmenschen keine Behausung und keine Heimat mehr hat.

Als Christenmenschen sind wir zwar das wandernde Gottesvolk, aber dennoch braucht es in unseren Breiten Orte, an denen sich die Gemeinde Jesu trifft. Wir leben nicht in Wüstengebieten, in denen ein leichtes Zelt zum Leben reicht. Wir brauchen feste Häuser, in denen der Glaube zuhause ist, wo er gelebt und weitergegeben wird – geschützt vor der inneren und äußeren Kälte. Der Glaube braucht Kristallisationspunkte der Gemeinschaft, konkret und real erfahrbar und eben nicht nur virtuell. Nur so verleiblicht sich Gemeinde vor Ort durch die Christenmenschen, durch ihre Worte und durch ihre Taten. Die festen Orte bleiben Fingerzeig der Gottesgegenwart inmitten der Welt, die Gott vergessen hat.

Wenn es heutzutage um Entwidmungen von Kirchen geht, wird manchmal allzu schnell Martin Luther bemüht, weil er in gewisser Weise die Unterscheidung von heiligen und profanen Räumen aufhob. Oft wird dabei seine Aussage zitiert, dass man in einem Kuhstall genauso gut Gott loben könne wie in einer Kirche. Das ist an sich auch nicht falsch. Es ist gut und wichtig, an verschiedenen Orten Gottesdienste zu feiern und warum nicht einmal in einem Kuhstall? Der Gottesdienst an Heilig Abend eignet sich besonders gut dafür. Gottes Gegenwart hängt nicht von einem bestimmten Ort ab. Jesus Christus sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20) Gemeinde lebt dort, wo Christenmenschen sich zum Hören auf Gottes Wort, zum Gebet und zum Lobgesang treffen.

Bereits zu Luthers Zeiten wurden durch die Reformation Kirchen säkularisiert, vor allem ehemalige Klosterkirchen oder Ordenskirchen, weil die dazugehörigen Klöster aufgelöst wurden. Wallfahrtskirchen oder Kapellen wurden entwidmet, weil sie nicht als Kirchen einer Ortsgemeinde dienten. Wo es aber eine Ortsgemeinde gab, diente die Kirche selbstverständlich als Versammlungsort der Gläubigen weiter. Denn – so Luther – das Gebet ist nirgendwo so kräftig und stark, als wenn der ganze Haufen einträchtig miteinander betet. Dafür braucht es aber einen festen Ort, es braucht feste Zeiten, es braucht Regelmäßigkeit, damit Gemeindeleben wachsen, gedeihen und die Zeiten – auch Krisenzeiten – überdauern kann. Der Gottesdienstort darf und soll dabei auch festlich und einladend sein. Auf die Dauer in einem Kuhstall Gottesdienst zu feiern, würden wahrscheinlich weder Gottesdienstbesucher noch Kühe sehr erbaulich finden. Und wie schön ist es, wenn bereits das Gebäude ohne hörbare Worte oder Stimme bereits die Ehre Gottes verkündigt, wenn es zum Gebet und zur Begegnung mit Gott vorbereitet und einlädt.

Martin Luther kannte das Phänomen der Religionslosigkeit unserer Tage noch nicht, aber er wusste um die Unwissenheit der Menschen, wenn es um das Evangelium geht. Für diese Menschen wollte er Brücken, Stege und Wege in Form der sichtbaren Darstellung der Glaubensinhalte pflegen und erhalten. Dazu würde ich heute nicht nur die Bilder und Kunstwerke in den Kirchen, sondern auch die Kirchengebäude an sich zählen. Und wer weiß, wann und wo Gott will, können sich heute fast leere Kirchen wieder mit Menschen füllen, die darin schmecken und sehen, wie freundlich der HERR ist. Denn wo Gottes Wort und Geist weht, gilt die Verheißung:

„Sie werden satt von den reichen Gütern deines Haues,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens
und in deinem Licht sehen wir das Licht!“ (Ps 36, 9f)

Mathias Kraft, Pfarrer in Gräfenhausen und Niebelsbach
Württembergische Landeskirche

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