Visionen sind in unserem Land derzeit nicht sonderlich in Mode. Kraftvolle Hoffnungen, wie sie beispielsweise in dem berühmten Wort von Martin Luther King „I have a dream“ mitschwingen, klingen wie aus einer anderen Welt. Heute erschöpfen sich die kollektiven Hoffnungen häufig darin, dass doch bitte alles so bleiben möge, wie es ist und die Dinge nicht noch schlechter werden. Zukunftsängste spielen eine große Rolle. Die gesellschaftliche Perspektive unserer Zeit wird deswegen auch von Genügsamkeit und einer defensiv-resignativen Grundhaltung geprägt. Angesichts großer Umbrüche und Krisen meinen viele, das Schlimmste zu vermeiden sei schon Vision genug. Unsere gelebte Grundhaltung riecht manchmal ziemlich stark nach Biedermeier. Persönlich steht dabei die private Glückssuche im Kleinen im Vordergrund, Hauptsache gemütlich und möglichst viel und ungestört reisen. Nicht, dass das schlecht wäre, aber ist es auch genug? Für andere sind rückwärtsgewandte und längst verbrannte politische Parolen der Schlüssel zur Zukunft, wenn es nur bloß wieder so wird, wie es früher angeblich einmal war, ohne lästige Ausländer, ohne Europäische Union, ohne NATO oder, für andere, ohne böse Kapitalisten.
Auch in der Kirche ist die Blickrichtung Zukunft eher visionsarm. Beide große Konfessionen werden derzeit vor allem von den Kirchenaustrittszahlen und vom Schrecken der Säkularisierung getrieben. In der evangelischen Kirche fließt viel Energie in die Anpassung an abnehmende Mitgliederzahlen, in Umstrukturierungsprozesse und in Sparkonzepte. So wichtig das alles ist, es drängt sich die Frage auf: Wo bleibt unsere Kernbotschaft?
Aber schalten wir einen Gang zurück. Was macht Visionsarmut mit den Menschen, und was soll daran eigentlich so verkehrt sein? In erster Linie bedeutet Visionsarmut Zukunftsverlust. Wo die Zukunft lediglich als mehr oder weniger gelungene Verlängerung der Gegenwart begriffen wird, herrscht bestenfalls geschäftige Umtriebigkeit, die sich um das Hier und Jetzt besorgt und alles das, was gerade tatsächlich der Fall ist. Das mag beruhigend wirken, aber andererseits macht es auch kläglich und kraftlos. Wir brauchen auch Visionen, die ins Unbekannte und noch Unerschlossene zielen, und zwar nicht nur Ingenieure, Unternehmer und Entdecker. Visionslosigkeit bedeutet demgegenüber Stillstand, Selbstverkleinerung und existenzielle Verarmung. Allerdings gibt es gute und schlechte Visionen. Auf die Vision kommt es entscheidend an.
Die christliche Botschaft enthält viel Visionäres. Dabei geht es im Kern immer um das Reich Gottes. Christen denken die Welt vom Reich Gottes her. Der christliche Glaube enthält deswegen eine radikale Botschaft in dieser Welt, die sich zugleich gegen das, was an dieser Welt verkehrt ist richtet und die schließlich über diese Welt hinaus auf eine noch unbekannte, ganz andere Wirklichkeit hinweist. Der Bezugspunkt dieser dreifachen Vision in, gegen und darüber hinaus ist Jesus Christus. Er begleitet uns im Leben und im Sterben, er gibt uns Maßstäbe für unsere Orientierung und für unser Handeln in der Welt, und er öffnet uns eine Zukunft über die greifbare Welt hinaus. Christen verspüren deswegen einen deutlichen Kontrast von wirklicher „Hierwelt“ und geglaubter „Anderswelt“, was manchmal auch schmerzlich sein kann, weil wir nie so richtig zu Hause sind. Durch diesen Kontrast verändert sich der Zugang zur greifbaren Wirklichkeit komplett. Wir vertrauen darauf, dass Gottes Reich jetzt schon angebrochen ist und eines Tages vollumfänglich wirksam wird, und wir sind Teil dieser Vision. Für uns ist die faktisch greifbare Wirklichkeit deswegen bei weitem nicht alles, sondern wir sehen den Überschuss und das „Noch nicht“. Das dürfen wir und das darf die Kirche keinesfalls vergessen, wenn sie nicht zu einem braven Kulturverein werden will.
Christof Gramm

