Bedenken, dass wir sterben müssen …

ZumEwigkeitssonntag

Volker A. Lehnert

Zum Ewigkeitssonntag

„Der Tod geht uns nichts an“, schrieb der Philosoph Epikur, denn „solange wir sind, ist der Tod noch nicht da; aber wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr“.

Ganz anders die Heilige Schrift: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“. Darum bittet der Beter aus Ps 90,12.

Also was nun? Geht uns der Tod etwas an oder nicht? Ich meine, er geht uns etwas an, denn nichts ist so sicher wie die Tatsache, dass wir einmal sterben werden. Und nichts ist so bedrohlich wie das menschliche Vorwissen darum. Immerhin kennzeichnet der Hebräerbrief den Menschen schlechthin als von Todesangst getrieben: Fleisch und Blut müssen „durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Knechte sein“ (Hebr 2,15).

Was also lässt sich sagen zum Tod aus der Sicht des Glaubens? Ich greife im Folgenden einige grundlegende Aspekte heraus:

Wir wollen es nicht wahrhaben

Einmal besuchte ich eine alte Dame zu ihrem 80sten Geburtstag. Ich traf sie im Kreise ihrer Verwandten in feucht-fröhlicher Runde an und beteiligte mich am Smalltalk. Plötzlich ergriff sie das Glas und sagte: „Schön, dass Sie da sind, Herr Pfarrer, ich wollte sowie dringend mit Ihnen über meine Beerdigung sprechen“. Schweigen, irritierte Blicke, Verunsicherung … Ihre Tochter hielt diese Situation nicht aus und intervenierte: „Mutter, doch nicht jetzt!“ Aber warum eigentlich nicht? Die alte Dame wusste, ein Pfarrer steht mit seiner Profession in symbolischer Repräsentanz für das Evangelium und also auch für das ewige Leben. Er kam zu Besuch, also nutzte sie ihre Chance. Die Frage an einen Arzt nach dem Blutdruck würde man wohl kaum so abwehren. Hier bewahrheitet sich die alte These Sigmund Freuds von der gar nicht mal so unbewussten Verdrängung des Todes. Der Tod macht Angst, bedroht, verunsichert. Jeder weiß, dass er sterben muss, aber kaum einer glaubt es.

Was Freud hier entdeckte, das weiß die Bibel schon lange. Sie verweist die Befähigung, dem Sterben-Müssen ins Auge schauen zu können, in die Sphäre des Gebetes. Nur angesichts dessen, der seinerseits den Tod sterben lassen wird, können wir den Gedanken an unsere eigene Vergänglichkeit einigermaßen ertragen. Die angemessene Adresse für die Frage nach dem Tod kann nur der Geber des Lebens sein.

Es gibt ein Sterben vor dem Tod

Schauen wir wach hin, entdecken wir unser ‚tägliches Sterben’ (1Kor 15,31) schnell. Der körperliche Abbau beginnt im Alter von etwa 25 Jahren. Spätestens ab 40 müssen wir für unsere Fitness etwas tun. Lebensphasen gehen zu Ende, Beziehungen erlöschen, Loslassen und Abschiednehmen sind kleine biographische Tode. Arbeitslosigkeit und Ruhestand lassen oft die Gewissheit über die eigene Bedeutsamkeit sterben. Dass wir gerechtfertigt ‚ohn’ all‘ Verdienst und Würdigkeit’ sind, wissen wir eben, wenn es ernst wird, doch nur mit dem Kopf. Unser Herz weiß es allzu häufig leider nicht, spürt es nicht oder vertraut der Botschaft nicht wirklich. Lebensträume sterben, Illusionen werden begraben, Perspektiven verdunkeln sich. Jede einzelne Entscheidung, die wir treffen, lässt sich gewissermaßen als ein kleiner Tod auffassen, denn sie schließt 1000 Alternativen aus. Krankheiten beeinträchtigen die Lebensqualität und der Verlust geliebter Menschen kann in die Verzweiflung führen.

Der Tod geht uns nichts an? Ich glaube, Epikur irrt. Im Gegenteil, der Tod ist allzeit präsent. „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“ (EG 518).

Auf dass wir klug werden

‚Klug zu werden‘ erbittet der Beter von Gott. Aber was heißt ‚klug werden‘? Klug werden heißt, vorbereitet zu sein. Vorbereitet zu sein heißt, der Tatsache ins Auge sehen, dass ich mein Leben ständig, in jeder Sekunde, aus Gnade empfange, und dass es ständig, in jeder Sekunde, zu Ende gehen könnte. Kennten wir Gott nicht, müssten wir sagen: Unser Leben hängt am seidenen Faden. Denn mehr garantiert auch die augenblickliche Gesundheit eines vermeintlich Gesunden nicht. Betrachten wir es einmal nüchtern: Was unterscheidet einen Todkranken von einem sogenannten Gesunden? Außer erglaubten Wahrscheinlichkeiten streng genommen fast nichts. Auch der Gesunde weiß nicht, ob er morgen noch leben wird. Der Kranke weiß nicht, ob morgen nicht überraschend ein neues Medikament auf den Markt kommt oder ob sein Gebet um Genesung nicht doch erhört wird. Beide wissen nicht, was Gott mit ihnen vorhat und was Er tun wird. Der Gesunde glaubt noch länger zu leben, aber er weiß es letztlich nicht. Beide könnten morgen sterben müssen, nur, dass der Todkranke jäh in seiner Verdrängung unterbrochen worden ist. Er weiß, dass der Tod ihn etwas angeht, der Gesunde weiß das möglicherweise noch nicht, obwohl er gleich auf der Straße sogar als erster sterben könnte. Dann wäre er im Vorletzten umgekommen, ohne das Letzte je in den Blick genommen zu haben, genau wie jener reiche Kornbauer aus Lk 12,16–21. Geistlich betrachtet befindet sich in dieser Hinsicht der Todkranke sogar im existenziellen Vorteil.

Noch einmal: Was heißt „klug werden“? Klug werden heißt, sich bewusst zu machen, dass dieser Tag heute der erste Tag vom Rest meines Lebens ist. Wofür werde ich ihn nutzen? Was ist mir wirklich wichtig? Was erwartet Gott von mir? Klug werden heißt, sich bewusst zu werden, dass ich nichts mitnehmen kann. Am Ende werde ich alles loslassen müssen, alles, sogar mich selber. Ist eigentlich ein trivialer Gedanke und doch so schwer zu lernen. Als sterbliche Menschen sind wir lediglich auf der Durchreise, so wie die beiden Mönche aus folgender Geschichte:

Ein Tourist darf in einem Kloster bei Kartäusermönchen übernachten. Er ist sehr erstaunt über die spartanische Einrichtung ihrer Zellen und fragt die Mönche: „Wo habt Ihr Eure Möbel?“ Schlagfertig fragen die Mönche zurück: „Ja, wo haben Sie denn Ihre?“ „Meine?“ erwidert darauf der Tourist verblüfft. „Ich bin ja nur auf der Durchreise hier!“ „Eben“, werfen da die Mönche ein, „das sind wir auch.“ (aus: Auf der Durchreise, hg. v. D. Rost und J. Machalke)

Klug werden heißt, mit der Brüchigkeit unseres gelebten Lebens ins Reine kommen zu wollen, möglichst wenig unabgeschlossen und ungeregelt liegen zu lassen. Versöhnung muss beizeiten gesucht werden. Schlimm sind jene Beerdigungen, auf denen manchen Menschen schlagartig bewusst wird: Nun ist es zu spät und es gibt vorerst keine Möglichkeit mehr, den Verstorbenen um Vergebung zu bitten oder was immer auch unerledigt geblieben ist.

Was dürfen wir hoffen, wenn wir hoffen könnten?

Ca. 37% der Deutschen glaubt an ein Leben nach dem Tode. Ca. 41% glaubt nicht daran. Der Rest ist unentschieden. Die einen glauben an eine unsterbliche Seele, eine Überzeugung, die aus der platonischen Philosophie stammt, durch die Hellenisierung des Christentums aber Eingang in die scholastische Theologie gefunden hat und bis heute vertreten wird, insbesondere durch das theologische Modell ‚Erlösung im Tode’ sowie durch die von Moody und Kübler-Ross populär gemachten Forschungen an Nahtoderlebnissen. Immer noch sehr lesenswert hierzu ist Hans Küngs Buch ‚Ewiges Leben‘? Jüngst hat Hanna Stettler allerdings exegetisch darauf hingewiesen, dass die sogenannte zwischentestamentliche jüdische Literatur die Fortexistenz einer Seele in einer Art Zwischenzustand ebenfalls kennt und Spuren davon sich auch im Neuen Testament finden (Lk 24,43; Phil 1,23).

Esoterische Gruppen haben durch Import von Vulgärbuddhismus dem Reinkarnationsglauben zu einer gewissen Popularität im Westen verholfen, dabei allerdings verschwiegen, dass im Buddhismus Erlösung gerade nicht in der Reinkarnationshoffnung besteht, sondern genau im Gegenteil, nämlich in der Befreiung vom Schicksal der ständigen Wiedergeburt.

Letzteres hat mit biblischen Hoffnungsbildern nichts zu tun. Jesus Christus kündigte das Reich Gottes an (Mk 1,15) und es besteht exegetisch kein Zweifel mehr daran, dass diese Botschaft eine auf alter jüdischer Apokalyptik basierende Dimension hat. Gott wird eine neue Welt schaffen. Nicht im Tode wird erlöst, auch nicht von der Welt, sondern die Welt als Ganze wird erlöst (Röm 8,18–24) und der Tod wird abgeschafft (Off 21,1–5; 1Kor 15). Jürgen Moltmann hat diese kosmische Dimension der zu erhoffenden Rettung der Welt in seinem Buch ‚Das Kommen Gottes‘ eindrücklich beschrieben. Es geht um die Einwohnung Gottes in dieser Welt und die damit verbundene Überwindung des Bösen und des Todes sowie die leibliche Auferweckung der Toten. Dafür hat sich Gott in Jesus Christus verbürgt. Er war der erste der Verstorbenen, den Gott erweckt hat, als „Erstling unter denen, die entschlafen sind“ (1Kor 15,20). In Ihm hat sich die endzeitliche Totenauferweckung exemplarisch vorweg ereignet, proleptisch, wie Wolfhart Pannenberg es genannt hat. So wie Gott an Ihm gehandelt hat, so wird er an uns allen handeln. Und dann „werden wir Ihm gleich sein“ und „Ihn sehen, wie er ist“ (1Joh 3,2). Diese Botschaft ist das vornehmste Thema von Theologie und Kirche bezogen auf das Kirchenjahr. Viel Lesenswertes darüber hinaus findet sich in Ralf Frischs Buch ‚Was können wir glauben?‘.

Natürlich bleibt das Dilemma eschatologischer Denkmodelle. Verortete nämlich die hellenistische Lehre von der Unsterblichkeit der Seele die Rettung räumlich ins Jenseits, so verlagert die apokalyptische Vorstellung der leiblichen Totenauferweckung die Rettung zeitlich in die Zukunft. Was aber ist bis dahin mit den Toten? Nun, unter der Voraussetzung, dass mit der eschatologischen Erlösung der Welt auch Raum und Zeit ihre begrenzende Funktion verlieren werden, müssen wir uns wohl auf eine logische Paradoxie einlassen und diese aushalten: Entweder postulieren wir doch die Notwendigkeit eines wie auch immer gearteten Zwischenzustandes, wie es die zwischentestamentliche Literatur macht, aber auch Jürgen Moltmann, wenn er formuliert: „Die Toten sind tot und noch nicht auferweckt, aber sie sind schon ‚in Christus’ und mit ihm auf dem Weg in seine Zukunft“. Oder wir postulieren, dass die Toten tot sind, die Zeit bis zur Auferstehung aber gleichsam als Null bzw. strenggenommen gar nicht erleben und sich insofern übergangslos in der erneuerten Welt vorfinden und insofern also doch im Moment des Todes gerettet werden (so auch Lk 23,43 und Phil 1,21–23). Sie wären dann von der Welt aus als tot, von sich selbst aus aber als lebendig zu glauben. Diese Lösung wählte Martin Luther, als er schrieb: „Sobald die Augen sich schließen, wirst du auferweckt werden; tausend Jahre werden sein, gleich als du ein halbes Stündchen geschlafen hättest“.

Wahrscheinlich aber sind beide Modelle falsch und richtig zugleich und zwar aus dem gleichen Grund. Falsch, weil sie die Überwindung von Zeit und Raum metaphorisch innerhalb der Grenzen von Zeit und Raum zum Ausdruck bringen wollen. Richtig, weil diese Überwindung gemessen an unserem dreidimensionalen Denken immer nur in einer die formale Logik sprengenden paradoxen Bildhaftigkeit zum Ausdruck gebracht werden kann. Wäre sie menschlich logisch und stimmig, würde sie mit Sicherheit nicht das Göttliche beschreiben. Soviel von Karl Barths Erkenntnis des Dialektischen sollten wir uns bewahren. Die transzendente Wirklichkeit Gottes muss immer größer sein als alle unsere immanenten Bilder und Metaphern. Wie immer sie vorzustellen ist, die Wirklichkeit Gottes überwindet sowohl die Angst vor dem Tod (Joh 16,33; Hebr 2,15) als auch den Tod selber (Joh 11,25–26). Wie immer es sein wird, am Ende werden wir leben, auch wenn wir sterben (Röm 8,38–39), so wahr Jesus Christus lebt (Joh 14,19).

Klug sein heißt also schlussendlich, die Welt aus der Perspektive Gottes zu betrachten und das eigene Leben und das eigene Sterben auf Seine Verheißung zu gründen. Dafür aber muss Gott selbst uns die Augen öffnen. Genau aus diesem Grund ist Ps 90,12 ein Gebet.

Der Ewigkeitssonntag erinnert uns daran.

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