Glauben und Denken – wirklich zwei Paar Schuh?
Es geht ein Gespenst der Wissenschaftsfeindlichkeit um. Nicht nur in den Reihen der sogenannten Querdenkerinnen und Querdenker, sondern auch unter dem Kirchenvolk. Die Wissenschaftsignoranz reicht sogar bis in die höchsten kirchlichen Ämter. Wieder einmal versuchen sich der selbsternannte gesunde Menschenverstand oder der vermeintlich einfache Glaube den Ballast der Reflexion abzuschütteln, die man in bestimmten Kreisen für unnötig oder für gefährlich hält und bisweilen auch gerne als nutzlose Spekulation diffamiert. Wieder einmal muss sich die theologische Wissenschaft den Verdacht einer theoretisch-verkopften Abgehobenheit seitens der sich gerne als einfach (als Gegensatz zu „kompliziert“) bezeichneten Frömmigkeit gefallen lassen. Wieder einmal werden die vermeintliche Theorielastigkeit der Theologie und die angebliche Lebensnähe der kirchlichen Praxis gegeneinander ausgespielt, und das sogar von denen, die sich selbst als Theologinnen und Theologen bezeichnen.
Da kam einmal ein Schlaumeier auf die Idee, dass Glauben und Denken nichts miteinander zu tun haben, sich gegenseitig nicht guttun, sich sogar gegenseitig behindern. Was für ein Unsinn! Wie sollen wir denn den Glauben anders haben als denkend? Woher wüssten wir sonst, was wir da eigentlich glauben? Woher wüssten wir, warum wir das Eine glauben und das Andere nicht? Wie sonst könnten wir uns über das alles Rechenschaft ablegen, wenn nicht denkend? Ohne Denken wüssten wir ja nicht einmal, dass wir überhaupt glauben. Und ja, selbst die anfangs erwähnte Behauptung von gegenseitiger Unverträglichkeit von Glauben und Denken ist ein Produkt des Denkens. Somit gilt: Einen Glauben ohne Denken gibt es nicht. Und der Name für einen denkenden Glauben ist Theologie.
Einst soll jemand dem evangelischen Theologen Rudolf Bultmann vorgeworfen haben, sein theologisches Denken würde den Glauben kaputt machen. Daraufhin habe der Theologe etwa Folgendes erwidert: „Wenn ich es geschafft haben sollte, Ihren Glauben kaputt zu machen, dann hatten Sie offenbar keinen.“ Das besagt, dass der Glaube, richtig verstanden, nichts ist, was durch Denken zerstört werden kann.
Wer glaubt, bleibt an Gott interessiert
Ich verstehe den Glauben als ein existentielles – und somit leidenschaftliches – Interesse an Gott. Das Wort „Interesse“ wähle ich bewusst. Interesse ist das Zeichen einer lebendigen Beziehung. Nur der Glaube, welcher sich als Interesse an Gott vollzieht, ist ein lebendiger, ja ein wirklicher Glaube. Und: Dem wahren Interesse wohnt eine radikale Offenheit inne für das, was das Gegenüber wirklich ist, und somit auch und vor allem die Bereitschaft, sich von ihm gegebenenfalls verblüffen zu lassen.
Das Denken des Glaubens ist radikal. Es ist radikal in dem Verzicht auf die Hybris der Vernunft, radikal in der steten kritischen Selbstbefragung, radikal im Mut, die noch so festen Gewissheiten aufzugeben, wenn sich diese als unangemessen erweisen sollten. Das bedeutet Dorothee Sölle zufolge konkret: „Wer Theologie treibt, muss mindestens mit der Möglichkeit rechnen, dass der Glaube ein Irrtum sei.“
Ein Glaube, der zu denken aufhört, fängt an, sich in der Sicherheit zu wiegen, von Gott genug zu wissen, und hört auf, sich für ihn zu interessieren und sich mit ihm zu beschäftigen. Doch ein Glaube, der sich für Gott nicht interessiert, wird schnell den lebendigen Gott los, wird gottlos. Ich bezeichne ihn als Aberglauben.
Verblüffungsbereitschaft des Glaubens
Damit der Glaube lebendig bleibt, muss er also denken. Er muss mit Zweifeln ringen, sich brennenden Fragen stellen, sich selbst in Frage stellen und sich verblüffen lassen. Der Name für einen solchen denkend ringenden Glauben ist Theologie. Strenge Rationalität und radikale existentielle Aufrichtigkeit sind hier ein und dasselbe.
Ich musste während meines Theologiestudiums in der Slowakei bei jeder Prüfung mit der abschließenden Frage rechnen: „Wie würden Sie hierzu predigen?“ Mit dieser Frage wurde deutlich, dass es nicht nur auf die Kenntnisse in dem einen oder anderen Fach ankommt, sondern auch auf deren Integration in die eigene theologische Position und nicht zuletzt auf deren Um- und Übersetzung in der Verkündigung. Diese Art der Prüfungspraxis sowie der enge Kontakt zwischen den Lehrenden und den Studierenden, der sich auch der intimen Winzigkeit der slowakischen Theologischen Fakultät verdankte, haben uns allen vor allem eines vermittelt: dass die Theologie keine nur kognitive, sondern eine radikal existentielle Angelegenheit ist. Das ist meiner Ansicht nach das Besondere am Theologiestudium: Hier gehen die theologische Bildung mit dem Reifen der Persönlichkeit Hand in Hand. Somit ist die theologische Substanz ohne die menschliche Substanz nicht zu haben. – Man müsste jetzt nur eins und eins zusammenzählen, um dem Rätsel der theologischen Substanzlosigkeit der Predigten auf die Schliche zu kommen.
Theologentum aller Gläubigen
Wenn also Glauben und Denken keine Gegensätze, sondern ein und dasselbe sind, so ist aller Glaube zugleich Theologie. Indem wir glauben, treiben wir zugleich Theologie – ob wir nun wollen oder nicht. Selbst wenn wir uns aus vermeintlichen Glaubensgründen weigern, Theologie zu treiben, ist dies eine theologische Entscheidung. Wie das Denken ist auch die Theologie in Bezug auf den Glauben unabdingbar. Und somit sind wir in gewissem Sinne alle Theologinnen und Theologen.
Mit dieser Schlussfolgerung möchte ich keineswegs den Unterschied zwischen dem religiösen Laientum und der Professionalität wegwischen. Ich möchte nur die Grenze neu ziehen. Da nun aller Glaube Theologie ist, kann man nicht mehr zwischen Glauben und (theologischem) Denken unterscheiden, sondern zwischen Glauben und Glauben bzw. zwischen Theologie und Theologie. In beiden Fällen kommt es auf die Qualität an. Wie der ideologisch verfestigte Glaube zum Aberglauben korrumpiert, degeneriert auch eine schlecht getriebene Theologie zu einer vulgären Karikatur ihrer selbst. Es ist also alles Theologie, nur manchmal ist diese Theologie unreflektiert, unaufgeklärt und vulgär, und manchmal eben das Gegenteil davon. Es ist die Letztere, welche ich sehnlichst vermisse.
Mehr Theologie dem Protestantismus!
Ich vermisse die echte Theologie, die ja von einem authentisch lebendigen, ringend fragenden und denkend reifenden Glauben zeugt. Weder höre ich sie von den meisten Kanzeln, noch merke ich sie den meisten Predigerinnen und Predigern an. Dabei ist genau das meine Erwartung und mein Anspruch an alle, die sich als Theologinnen und Theologen verstehen: dass sie sich theologisch-existentiell mit Gott beschäftigen. Der Theologe bzw. die Theologin müsste sich also von einem sogenannten Laien durch die Intensität seines bzw. ihres Interesses sowie die methodisch-wissenschaftliche Gründlichkeit der eigenen Beschäftigung mit dem Glauben unterscheiden. Ich bin davon überzeugt, dass ein Mensch, der das tut, weiter zu schauen, tiefer zu denken vermag und daher auch mehr zu sagen hat als die übrige Allgemeinheit. Die Theologinnen und Theologen sollten die geistigen und geistlichen Vorreiter sein, die mit ihrem Glauben und Denken den anderen vorangehen und mutig neue Wege betreten. Dann würden ihre Worte wirklich Neues sagen, neue Horizonte erschließen und zur Inspiration und Orientierung werden für alle, die ernsthaft nach Antworten suchen.
Dieser radikale Mut des Glaubens, der denkend um Gott und auch mit Gott zu ringen bereit ist, wurde dem Protestantismus in die Wiege gelegt. Denn wie Gerhard Ebeling eindrücklich erläutert, besitzen wir Protestantinnen und Protestanten keine kirchliche Tradition neben der Schrift zur Entlastung von den Problemen, mit denen der Glaube kämpfen muss. Auch haben wir über uns kein unfehlbares Lehramt, sondern stehen in der Freiheit, unsere Arbeit selbst verantworten zu müssen, gebunden allein an die Schrift. Wir müssen – so Ebeling – „Ja sagen zu […] den Anfechtungen, der Ungesichertheit, […] voranzugehen in der kritischen Überprüfung der Grundlagen, brennen zu lassen, was brennt, und vorbehaltlos zu warten, was sich als unverbrennbar, als echt, als wahr erweist.“ Laut Ebeling habe sich der Protestantismus für diesen mutigen, da „gefahrvollen Weg“ entschieden. – „Und“ – sagt Ebeling mit voller Überzeugung – „er hat sich damit recht entschieden.“
Diese radikale Freiheit des Glaubens mutig zu wagen – das ist das Prinzip der evangelischen Theologie. In diesem Sinne ist es dringend an der Zeit, mit dem Denken Frieden zu schließen. Es ist dringend an der Zeit, die Theologie gegen deren ungebildete Vulgarisierung zu verteidigen und ihr somit die Würde der einstigen doctrina sacra zurückzugeben.

