Ein hörendes Herz

Das Hörende Herz

Diese Predigt wurde gehalten als Morgenandacht im Rahmen der Internationalen Karl-Barth-Tagung auf Sankt Chrischona in der Schweiz am 14. Juli 2026. Die Tagung hatte Gottes Gegenwart zum Thema.

Andacht bei der Karl-Barth-Tagung 2026

Basel, St. Chrischona, 14. Juli 2026

von Matthias Zeindler

«In Gibeon erschien der Herr Salomo nachts im Traum.
Gott sagte zu ihm: ‹Was immer du bittest, will ich dir geben.›
Da sagte Salomo: ‹Du selbst hast deinen Knecht zum König gemacht anstelle von meinem Vater David. Dabei bin ich noch ein junger Mann und weiss nicht aus noch ein. Als dein Knecht stehe ich mitten in deinem Volk, das du erwählt hast. Es ist ein grosses Volk, so gross, dass es weder geschätzt noch gezählt werden kann. Gib mir, deinem Knecht, ein hörendes Herz. Nur so kann ich dein Volk richten und zwischen Gut und Böse unterscheiden. Wie sonst könnte man Recht schaffen in deinem Volk, das doch so bedeutend ist?› Es gefiel dem Herrn gut, dass Salomo genau darum gebeten hatte.» (1. Könige 3,5.7–10)

Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Liebe Tagungsgemeinde!

Da ist ja wohl das ungeschriebene Gesetz, dass eine Andacht an dieser Tagung kein weiterer Barth-Vortrag sein soll. Auch ich will mich an dieses Gesetz halten. Allerdings: Es gibt da diesen Satz von Karl Barth, an dem reibe ich mich immer wieder, und ich gebe zu, ich habe auch schon gewünscht, er hätte diesen Satz nicht geschrieben. Der Satz geht so: «Es gibt keinen intimeren Freund des gesunden Menschenverstandes als den Heiligen Geist.» (KD IV/4, S. 31)

Ich begegne diesem Satz häufig in kirchlichen Kreisen, von Pfarrkolleginnen und ‑kollegen, hin und wieder auch in Gremien. Auch von Leuten, die mit Barth sonst wenig am Hut haben und womöglich ausser diesem Satz des Meisters keinen weiteren zu zitieren wüssten. Und bei diesen Zitationen kann gelegentlich der Eindruck entstehen, der Heilige Geist würde mit Vorliebe durch den gesunden Menschenverstand sprechen. Wenn nicht gar, der gesunde Menschenverstand sei die eigentliche Stimme des Gottesgeistes.

Der «gesunde Menschenverstand» – was meint man damit? Der Ausdruck bezeichnet das, was doch eigentlich offensichtlich ist, das, was jede und jeder sieht, wenn man die Dinge unvoreingenommen betrachtet. Der gesunde Menschenverstand ist jener Verstand, der mit beiden Beinen auf dem Boden der Realitäten steht, der nicht verbildet ist durch irgendwelche akademischen Theorien und schon gar nicht durch diese oder jene Ideologie.

Zunächst steckt in unserem Ausdruck ein Grundgedanke, den man nur begrüssen kann. Nämlich das Vertrauen, dass jeder Mensch in der Lage ist, Situationen zu beurteilen und sich eine Meinung darüber zu bilden. Der Ausdruck hat etwas Urdemokratisches.

Irritierend am «gesunden Menschenverstand» ist nun aber – sagen wir – seine Flexibilität. Zugespitzt gesagt, dieser Menschenverstand kann ohne weiteres dem einen das eine sagen und der anderen das genaue Gegenteil. Das bestätigt eine Studie der University of Pennsylvania, die zum Ergebnis kommt, dass der gesunde Menschenverstand (Englisch: der common sense) für jeden Menschen etwas anderes ist.

Das hat ihm denn auch immer wieder pointierte Kritik eingebracht. Schon René Descartes wusste, beim gesunden Menschenverstand handelt es sich »um die am besten verteilte Sache in der Welt, denn jeder fühlt sich damit angemessen ausgestattet«. Das ist richtig, denn es gibt wohl niemand, der oder die der Meinung wäre, er oder sie hätte keinen gesunden Menschenverstand. Und dabei muss man deutlich sagen: Der gesunde Menschenverstand ist immer genau das, was ich denke. Eine Meinung, die ich ablehne, würde ich eher nicht aufs Konto des gesunden Menschenverstands verbuchen.

Auch Albert Einstein wusste deshalb wenig Schmeichelhaftes über unseren Kandidaten zu sagen: «Der gesunde Menschenverstand ist nur eine Anhäufung von Vorurteilen, die man bis zum 18. Lebensjahr erworben hat.»

Wenn an all dem etwas dran ist: Was heisst das dann für die von Karl Barth behauptete Freundschaft des Heiligen Geistes mit dem gesunden Menschenverstand? Vor allem, wenn man dazu einen anderen bekannten Theologen hört, den verstorbenen Papst Franziskus, der in einer Predigt äusserte: «Der Herr befreie uns von der Versuchung des gesunden Menschenverstands.» Und dann weiterfuhr: «Dass wir nicht gegen Jesus murren, weil er uns zu anspruchsvoll vorkommt, und dass wir nicht in Versuchung geraten, Anstoss an ihm zu nehmen!» Damit sind wir bei der wohl schärfsten Kritik am gesunden Menschenverstand. Denn Hand aufs Herz, keiner hat sich doch so sehr gegen das gestellt, was man eben als Menschenverstand, und dann noch als gesunden Menschenverstand bezeichnet, wie Jesus. An ihm haben denn auch fast alle Anstoss genommen, die religiösen Führer, die politische Obrigkeit, aber auch das gesunde Volksempfinden.

Wir haben die Erzählung von Salomos Traum gehört. Salomo bittet nicht um Reichtum oder Macht, sondern um ein «hörendes Herz». Wir wissen, das Herz ist im Alten Testament der Sitz des Verstandes. Salomo bittet nun nicht bloß um ein kluges oder ein weises Herz. Sondern, wie gesagt, um ein hörendes Herz. Ich finde das eine unübertreffliche Formulierung: ein hörendes Herz. Hier kommt auf den Punkt, was nach biblischem Verständnis menschlichen Verstand groß macht. Nicht ein hoher IQ. Nicht ein fantastisches Gedächtnis, und auch nicht herausragende logische Fähigkeiten. Sondern die Fähigkeit, zu hören. Und natürlich zu sehen, wahrzunehmen. Und zu würdigen.

Was aber soll Salomo hören? Für das Alte Testament ist klar: Hören soll dieser König zuerst das, was Gott ihm zu sagen hat. Denn bei Gott ist alle Weisheit. Aber Gott hört der König allein dann, wenn er offene Augen und Ohren hat für die Welt um ihn herum. Wenn er sieht, was passiert, und wenn er es sich zu Herzen gehen lässt. Wenn er wahrnimmt, wo Menschen leiden, wenn er sich aber auch freuen kann an ihrer Vielfalt und ihren Eigenarten. Und heute würden wir sicher hinzufügen: Salomo hört Gott erst dann, wenn er auch auf andere Stimmen hört als seine eigene. Wenn er sich auf fremde Perspektiven einlässt. Wenn er sich der Kritik stellt und seinen Standpunkt ändern kann. Auch das, und das besonders, macht ein hörendes Herz aus. Und erst ein solcher Verstand verdient es, ein gesunder Verstand genannt zu werden.

Übrigens: Genau das meint auch Karl Barth mit dem zitierten Satz. Der Heilige Geist ist nicht der intimste Freund des Menschenverstands, weil er immer genau das denkt, was ich denke. Im Gegenteil. Er ist sein Freund, weil er diesen Menschengeist nicht sich selbst und seinen Irrwegen und Abwegen überlässt. Als sein Freund sorgt der Heilige Geist dafür, dass der Menschengeist «endlich zu sich selbst, zur Vernunft kommt: zum Vernehmen dessen, was er in dem auf Golgatha vollzogenen Ratschluss Gottes war, bevor er erkannte, dass er es ist – eben ein Bruder des Sohnes Gottes und also mit ihm Gottes Kind, der eben in seiner Menschlichkeit von Gott erwählte Mensch.» (ebd.). Und das heisst doch: Gesund kann unser Menschenverstand erst und nur dann werden, wenn wir beten: «Komm, Heiliger Geist.» Oder wenn wir, wie Salomo, sprechen: «Gib mir, Gott, ein hörendes Herz.»

Amen.

Wir beten mit Worten Karl Barths:

Lieber himmlischer Vater!

Nun bitten wir dich, dass du uns Allen deinen Heiligen Geist gebest und immer wieder gebest, damit er uns erwecke, erleuchte, ermutige und fähig mache, den kleinen und doch so grossen Schritt zu wagen: aus dem Trost, mit dem wir uns selbst trösten können, heraus und hinein in die Hoffnung auf dich. Kehre du uns von uns selbst weg zu dir hin! Erlaube es uns nicht, uns vor dir zu verstecken! Lass es nicht zu, dass wir es ohne dich machen wollen! Zeige uns, wie herrlich du bist und wie herrlich es ist, dir vertrauen und gehorchen zu dürfen!

Amen.

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