Günter Thomas
Schöpfung ohne blutige Zähne
Kommentar zum Tag der Schöpfung 2026
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Gegen den Tag der Schöpfung kann man eigentlich schwer etwas haben. Artensterben ist nicht gut. Vermüllte Meere sind nicht schön. Böden sollte man nicht ruinieren, Wasser nicht vergiften, Tiere nicht ausrotten. Auch theologisches Staunen ist erlaubt. Ein alter Baum kann überwältigend sein, ein Gebirge ebenso. Ein Sternenhimmel sagt selbst dem nüchternsten Philosophenmenschen (I. Kant) etwas.
Das Problem beginnt dort, wo aus ökologischer Umsicht eine Theologie wird. Dann wird es in den Materialien zum Ökumenischen Tag der Schöpfung 2026 erstaunlich schnell erstaunlich kuschelig.
Die Erde erscheint als großes Lebensnetz. Alles ist verbunden. Wir sollen staunen, lauschen, atmen, Bäume betrachten, Vogelstimmen hören, Farben wahrnehmen, den Atem Gottes spüren. Im Botanischen Garten sollen wir erfahren, dass wir nicht die Herren des Gartens seien, sondern Staunende in einem „Paradies auf Zeit“. Die Schöpfung wird als wohlig-heiliges Geschenk beschrieben, der Mensch soll lernen, sich als kleiner Teil eines großen Beziehungsgeflechts zu verstehen.
Sehr schön. Ganz sicher zu schön. Denn die wirkliche Schöpfung hat blutige Zähne. So zu Recht der Dichter Alfred Lord Tennyson (1809–1892).
Das Casting der Schöpfung
Wer die Materialien durchsieht, bemerkt ein merkwürdiges Casting. Zum religiösen Auftritt eingeladen sind vorzugsweise Bäume, Blumen, Wolken, Wind, Wasser, Vögel, Samenkörner, Moose und Sonnenlicht. Die Übungen zur Schöpfungsspiritualität empfehlen, ein Blatt im Licht zu betrachten, Baumrinde zu fotografieren, Vogelstimmen zu hören, an Blumen zu riechen und sich zu fragen, was Bäume über Standhaftigkeit lehren.
Warum eigentlich nie eine Zecke? Warum keinen Bandwurm? Warum keine Malariamücke? Warum keinen vom Fuchs gerissenen Hasen? Warum keinen Tumor? Auch sie gehören zur Natur.
Eine Spiritualität, die grundsätzlich mit dem ästhetisch gelungenen Teil der Natur beginnt und ihn anschließend religiös auflädt, produziert ihr Ergebnis schon durch die Wahl ihrer Anschauungsobjekte. Wer nur die Blume befragt, bekommt erstaunlich selten eine Antwort über Grausamkeiten in der Natur.
Natürlich kann ein blühender Kirschbaum zum Gleichnis werden. Die Japaner lieben ihn über alles und pilgern zur Blüte. Aber warum sollte der Kirschbaum religiös aussagekräftiger sein als ein Glioblastom? Das ist die unbequeme Frage.
Hiob wird zum Umweltpädagogen
Geradezu grandios ist deshalb die Wahl des Mottos: „Hast du erkannt, wie weit die Erde ist?“ – Hiob 38,18. Denn ausgerechnet Hiob eignet sich ungefähr so gut für romantische Naturfrömmigkeit wie ein Operationssaal für Wellnesswerbung.
Hiob sitzt nicht unter einer Eiche und lernt Achtsamkeit. Ihm ist die Welt zerbrochen. Er hat Besitz verloren, Kinder verloren, Gesundheit verloren. Hiob ist so krank, dass er sich den Tod wünscht. Seine Freunde erklären ihm anschließend, die moralische Weltordnung werde schon stimmen. Irgendwie werde er sein Unglück verdient haben.
Hiob verweigert sich. Er klagt Gott an. Er erwägt, dass Gott ein Gangster ist. Und Gott antwortet aus dem Sturm. Im Vorwort des Gottesdienstheftes wird diese Gottesrede vor allem als Lektion über die „Dezentrierung des Menschen“ verstanden: Der Mensch sei nicht Mittelpunkt der Welt, müsse seine Begrenztheit erkennen und dürfe die Schöpfung nicht bloß als Ressource betrachten.
Das ist nicht falsch. Aber es ist erstaunlich harmlos, oberflächlich, ja, richtig dumm. Denn Hiob 38 ist keine pädagogische Übung in ökologischer Bescheidenheit. Gott antwortet hier auf die Klage eines Menschen, dem die Welt unter den Händen zerbrochen ist. Nochmals: Hiob ist so krank, dass er sich den Tod wünscht.
Die Gottesrede eröffnet keinen harmonischen Naturraum, sondern führt Hiob mitten hinein in eine Schöpfung, die großartig und zugleich fremd, gefährlich und unbeherrschbar ist. In der Fortsetzung von Hiob 38–41 erscheinen Löwen auf Beutezug, junge Raben, Wildtiere, das Schlachtross, Behemot und Leviathan. Die Schöpfung ist wild, gefährlich, dem Menschen entzogen. Hiobs Gott sagt nicht: Schau genauer hin, dann erkennst du überall Harmonie. Die Pointe lautet eher: Du hast diese Welt überhaupt nicht im Griff. Und du verstehst sie nicht. Und: Ich bin kein Menschenhüter. Ausgerechnet Hiob zum Stichwortgeber einer ökologischen Wohlfühlspiritualität zu machen, hat darum eine an Absurdität grenzende Komik.
Der Heilige Geist als Premium-Sauerstoff
Dann kommt der Atem. Eine Zeichenhandlung erklärt, alles Lebendige teile denselben Lebenshauch, den „gleichen Atem Gottes“. Die Gemeinde atmet gemeinsam. Danach heißt es: „Die Schöpfung ist ein atmendes Ganzes.“ Gottes Ruach belebe alles.
Ein weiterer Text lässt Gottes Atem Sterne tanzen, Wolken segeln und Wind durchs Gras huschen. Schließlich heißt es sogar, der Mensch sei „wie alles Leben“ ein Teil Gottes; Menschen, Tiere und Pflanzen seien auf „Mutter Erde“ miteinander verwandt.
Spätestens an diesem Punkt darf evangelische Theologie nervös werden. Sie muss nacktem Heidentum und seiner Anbetung des Lebens widersprechen.
Denn der Heilige Geist ist nicht die religiöse Bezeichnung für den Stoffkreislauf der Biosphäre. Gott ist nicht irgendwie die Innenseite alles Lebens. Und Ruach ist nicht Premium-Sauerstoff. Die entscheidende Frage lautet: Wenn Gottes Geist einfach alles Leben durchströmt – wie kann Gott dann gegen etwas sein?
Kann Gott gegen Krankheit sein? Gegen Tod? Gegen Vernichtung? Gegen Gewalt? Das Problem wird akut, sobald das eine Leben das andere Leben auffrisst. Eine christliche Schöpfungstheologie muss Gott und Leben unterscheiden können. Sonst wird aus dem Schöpfer der religiöse Glanz auf der Oberfläche biologischer Prozesse oder schlicht ein Leben gebender und verschlingender Dämon.
Wenn die Ameise predigt
Der Beitrag der Bewegung „Wilde Kirche“ geht noch einen Schritt weiter. Dort soll gefragt werden: „Was predigen mir die Mitgeschöpfe?“ Die ganze „mehr-als-menschliche Welt“ sei vom Geist Gottes erfüllt, preise den Schöpfer und klage ihm ihr Leid. Man könne unter einer Eiche sitzen und von ihr lernen.
Nun gut. Was predigt eigentlich ein Kuckuck? Dass man die Aufzucht seiner Kinder erfolgreich anderen überlassen sollte? Was predigt eine parasitische Wespe, die ihre Eier in einen lebenden Wirt legt, damit ihre Larven ihn von innen auffressen? Was predigt ein Rudel Wölfe, das immer mehr reißt als es fressen kann?
Kooperation, gewiss. Dem gerissenen Hirsch vermutlich noch etwas anderes. Die Natur hat keine einheitliche Predigt. Sie predigt auch blutige Gewalt, Überwältigung durch den Stärkeren. Sie ist kein grünes Lehrbuch für eine Moral, die wir ohnehin schon vertreten. Das Problem romantischer Naturspiritualität ist nicht, dass sie zu intensiv auf die Natur hört. Sie hört zu selektiv. Sie hört zu wenig. Sie missbraucht die Natur als Echoraum ihrer vorgefertigten Moral. Sie hört vor allem das, was sie hören möchte.
Evolution ohne blutige Gewalt?
Der ältere Text „Wunder der Schöpfung“ (1. August 2021) spricht ausdrücklich von Evolution, Mutation, Anpassung und Auslese. Dann aber richtet sich die Aufmerksamkeit auf Schmetterlingsarten, Vogellieder, Blütenpflanzen, Schönheit und wunderbaren Überfluss.
Aber Evolution ist keine gigantische Produktionsanlage für schöne Schmetterlinge. Sie ist produktiv und zugleich brutal. Leben lebt von Leben. Konkurrenz, Räuberei, Parasitismus, Hunger, Krankheit, Schmerz und Tod gehören nicht erst zur Natur, seit Menschen Fabriken bauen. Mehr als 99 Prozent aller Arten, die jemals existiert haben, sind verschwunden. Evolution produziert Vielfalt, aber sie kennt keinerlei Barmherzigkeit mit dem Individuum. Ihre Geschichte ist auch eine Geschichte von Verschwendung, Vernichtung und Tod. Das ist keine Anklage gegen die Evolution. Es ist schlicht ihre Realität. Man darf angesichts eines Schmetterlings staunen. Aber vielleicht sollte man beim Schöpfungstag fünf Minuten länger darüber nachdenken, wie viele Lebewesen sterben mussten, damit evolutionäre „Kreativität“ stattfinden konnte.
Staunen ohne Erschrecken ist nur halber Realismus. Ein nur halber Realismus wird nur allzu leicht zum ganzen theologischen Kitsch. Oder führt bewusst in die Irre.
Der Mensch: Täter. Immer Täter.
Die Materialien haben natürlich in vielem recht: Menschen zerstören Ökosysteme, vernichten Arten, verändern das Klima, verschmutzen Wasser und verbrauchen Ressourcen.
Aber daraus entsteht immer wieder dieselbe moralische Dramaturgie: Die Natur ist Opfer. Der Mensch ist Täter. Die Natur ist unschuldig, der Mensch ist schuldig.
Im Gottesdienst bekennt die Gemeinde, sie schaffe es nicht, die Schöpfung zu bewahren und müsse zu „Schöpfungsbewahrenden“ werden. An anderer Stelle heißt es, aus der „schönen Erde, dem Ort des blühenden Lebens“ hätten Menschen einen „Ort des schleichenden Todes“ gemacht. Man könnte fast meinen, vor dem Homo sapiens sei die Erde ein biologisches Bullerbü gewesen.
Immerhin gibt es einen bemerkenswerten Gegenakzent. Ein Gebet sagt ausdrücklich: „Wie bedrohlich ist deine Schöpfung.“ Menschen seien Gefahren ausgesetzt, gegen die sie sich schützen müssten. Auch „Chaos und Gefahren“ werden einmal ausdrücklich erwähnt.
Das sind vielleicht die wichtigsten Töne des Materials zum Tag der Schöpfung. Leider ändern sie dessen Grundmelodie kaum. Denn kurz darauf heißt es wieder: Wo wir achtsam miteinander leben, „atmet die Schöpfung frei“, wo wir zerstören, „stockt ihr Atem“. Wirklich? Stockte der Atem eines Pestkranken wegen menschlicher Naturzerstörung? Ist Malaria mangelnde Nachhaltigkeit? Menschen sind nicht nur Gefährder. Sie sind Gefährdete. Sie sind gefährdete Gefährder. Das ist der Dreh- und Angelpunkt.
Bewahren reicht nicht
Darum ist auch die Formel von der „Bewahrung der Schöpfung“ zu klein. Menschen müssen Natur nicht nur bewahren. Sie müssen Natur verändern. Sie müssen und dürfen in die Natur intervenieren, eingreifen.
Ein Deich verändert Natur. Landwirtschaft verändert Natur. Eine Kläranlage verändert Natur. Eine Impfung greift in biologische Prozesse ein. Eine Chemotherapie tut das ziemlich massiv. Ein Brutkasten widersetzt sich der natürlichen Wahrscheinlichkeit des Todes eines Frühgeborenen. Humanität besteht seit Jahrtausenden gerade darin, natürliche Prozesse nicht einfach laufen zu lassen. Menschen entwässern Sümpfe, bekämpfen Krankheitserreger, bauen Häuser gegen Kälte und Hitze; reinigen Trinkwasser, entwickeln Medikamente, schützen Menschen vor Hochwasser. Die Liste ist lang. Überlang.
Kurz: Wir ringen einer keineswegs immer menschenfreundlichen Natur Lebensräume für den Menschen ab. Kultur ist auch Kampf gegen die Natur. Die Einheit von beidem heißt Schöpfung.
Natürlich ist diese Herrschaft riskant. Technik kann neue Gefahren schaffen. Landwirtschaft kann Böden zerstören. Medikamente erzeugen Resistenzen. Chaosbegrenzung kann neues Chaos produzieren. Genau deshalb brauchen wir ökologische Umsicht. Aber ökologische Umsicht ist etwas anderes als romantische Unterlassungsfrömmigkeit. Der Mensch ist Gefährder und Gefährdeter. Nur wer tatsächlich beides sieht, kann verantwortlich handeln.
Der Botanische Garten – ausgerechnet
Der zentrale Ökumenische Tag der Schöpfung 2026 soll im Alten Botanischen Garten der Philipps-Universität Marburg gefeiert werden. Im offiziellen Material wird der Botanische Garten zum „Paradies auf Zeit“. Er soll zeigen, dass wir nicht Herren des Gartens sind. Nur: Ein Garten ist kein Urwald. Ein botanischer Garten am allerwenigsten. Ein Botanischer Garten ist ein geradezu gigantisches und raffiniertes Produkt menschlicher Herrschaft! Menschen haben dort gesammelt, klassifiziert, transportiert, gepflanzt, beschnitten, bewässert, geschützt und Wege gebaut. Der Garten, der uns von unserer Herrschaft dezentrieren soll, existiert nur aufgrund menschlich-herrschaftlicher Gestaltung.
Auch der Garten Eden ist keine unberührte Wildnis. Nach Genesis 2 wird er von Gott angelegt. Der Mensch beginnt also nicht in „Natur pur“, sondern in einer gestalteten Lebenswelt, herausgeschnitten aus einer Wüste.
Und vor allem: Wir leben nicht mehr in Eden. Östlich von Eden wachsen Dornen und Disteln. Das könnte man am Tag der Schöpfung vergegenwärtigen. Es wäre ehrlich und instruktiv. Eben biblisch realistisch.
Ostern ist kein Frühlingsfest
Am Ende entscheidet sich alles an der Hoffnung. An der radikalen Hoffnung. Wenn die Schöpfung eigentlich ein großartiges, atmendes, resilientes Ganzes ist, das „die Kraft der Erneuerung in sich“ trägt, wozu brauchen wir dann noch Erlösung? Dann wird Ostern schnell zum religiösen Frühling. Ralf Frisch nennt es Baumarktevangelium. Zu Recht. Der Baum treibt neu aus. Das Leben geht weiter. Alles verwandelt sich.
Nur: Lazarus ist kein Kompost. Christliche Auferstehungshoffnung sagt nicht, dass das große Ganze irgendwie weiterlebt. Sie hofft für den Einzelnen, den die Natur längst aussortiert hat. Das Neue Testament verkündet keinen ewigen Kreislauf des Lebens. Die nordische Edda tut es. Das Alte wie das Neue Testament erzählen von der Auferweckung der Toten. Deshalb ist Ostern Protest gegen die Selbstverständlichkeit des Todes, wie er in das Leben eingeschrieben ist. Und deshalb ist die Hoffnung auf Neuschöpfung mehr als die Hoffnung, dass Ökosysteme resilient bleiben. Christliche Hoffnung richtet sich auf eine Neuschöpfung, in der Gewalt und Tod nicht einfach harmonisch in ein größeres Ganzes integriert werden. Auch die Gewaltverhältnisse des Lebens selbst stehen unter dem Vorzeichen der Verwandlung. „Auferstehung der Natur“ denkt Jürgen Moltmann. Das Gottesdienstheft spricht übrigens das große Glaubensbekenntnis: „Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.“
Darum ist die Auferstehung Jesu theologisch ein Protest gegen die Selbstverständlichkeit des Todes. Die biblische Hoffnung auf den Tierfrieden setzt gerade voraus, dass auch die Gewaltverhältnisse des Lebens einer Veränderung bedürfen.
Die Auferweckung des Gekreuzigten ist evangelischer Sprengstoff. Sprengstoff für eine Kirche eingemauert in Kitsch und falsche Romantik. Man müsste sie für das Naturdenken nur ernst nehmen.
Vielleicht weniger summen. Mehr seufzen.
Eine stärkere Schöpfungstheologie findet sich im 8. Kapitel des Römerbriefs. Dort singt die Schöpfung nicht einfach. Sie schreit. Sie seufzt. Sie wartet auf Befreiung. Das Sichtbare selbst „macht keine Hoffnung“. Hoffnung richtet sich auf das, was noch nicht da ist. Das ist eine bemerkenswert unromantische Schöpfungstheologie. Die Schöpfung ist nicht einfach Sakrament. Sie ist nicht einfach Gottes wohlklingender Grundton. Ja, sie seufzt.
Vielleicht müsste ein Tag der Schöpfung deshalb weniger summen und mehr seufzen. Weniger Windspiel bieten. Mehr Klage wagen. Nicht nur Klage über uns Menschen. Klage zu Gott: Warum Krankheit? Warum Erdbeben? Warum Krebs? Warum Parasiten? Warum Tod?
Das ist keine respektlose, lebensfeindliche oder lebensferne Frömmigkeit. Sie senkt die christliche Hoffnung ein in die Abgründe des Lebens. Hiob tut genau das in der Gestalt des Protests. Christlicher Glaube muss die Welt nicht schönreden, um Gott zu loben.
Der Glaube darf, etwas pathetisch formuliert, danken und klagen, staunen und erschrecken, bewahren und verändern. Denn die Schöpfung ist wunderbar und schrecklich. Sie trägt uns und bedroht uns. Wir zerstören sie und wir müssen uns gegen manches in ihr verteidigen. Wir begegnen in ihr menschengemachtem und nicht menschengemachtem Unheil.
Christen glauben deshalb nicht an die Natur. Sie vergöttern nicht das Leben. Darum umarmen sie nicht das Heidentum. Sie glauben an den Schöpfer. Den Geber des Lebens. Den Erhalter und den Richter des Lebens. Den Erneuerer des Lebens. Dem Liebhaber heilvollen Lebens.
Darum dürfen sie die Natur achten und lieben, ohne sie heiligzusprechen. Sie dürfen sie bewahren, soweit sie können und müssen – ohne sie für unschuldig zu halten. Sie dürfen technisch eingreifen, ohne sich über sie zu erheben. Sie wissen, dass christlicher Schöpfungsglaube weder Naturkult noch Selbstanklageprogramm ist. Und sie dürfen hoffen, dass Gott mit dieser Welt, auch der natürlichen Welt, noch nicht fertig ist.
Wie könnte also ein weniger romantischer, weniger kitschig-theologischer Tag der Schöpfung aussehen? Ja, im Botanischen Garten könnte man starten. Anschließend geht es ins Krankenhaus, konkret in die Baldinger Straße. Dort ist die Kinderhämatologie und Kinderonkologie untergebracht (Telefon Kinderhämatologie/Kinderonkologie: 06421 58–61040; Erreichbarkeit: Montag–Donnerstag, 8:00–12:00 Uhr; E‑Mail: kinderonkologieMR@uk-gm.de). Da sich Schöpfungsverantwortung auch darin zeigt, Abwasser so zu behandeln, dass Menschen nicht an Cholera sterben, könnte die Kläranlage Marburg-Cappel die dritte Station sein (Umgehungsstraße 47, 35043 Marburg-Cappel, Telefon: 06421 94810–0). Drei Orte in derselben Stadt, an denen sich drei sehr verschiedene Seiten von „Schöpfung“ zeigen.
So zu feiern wäre ein echter Schöpfungstag. Weniger romantisch. Aber vermutlich näher an der Wirklichkeit. Sicher ferner dem Heidentum. Und: Ganz sicher näher am christlichen Glauben.

