Adrian M. Berger
„Die islamische Kampfansage“
Unter diesem Titel stand der denkwürdige Leitartikel von Chefredaktor Eric Gujer auf der Frontseite der «Neuen Zürcher Zeitung» zum 11. September 2026. Nun ist auch er bereit, der Realität ins Auge zu schauen, und muss feststellen, dass die Dominanz des Islamismus, also des fundamentalistischen Islam, in Europa dazu geführt habe, dass die säkulare westliche Gesellschaft «zentimeterweise» kapituliere. Die militante Ideologie strebe nach Macht: mit offener Gewalt, mit Subversion, vor allem mit strategischer Beharrlichkeit, so Gujer, weil eben leider und offenkundig nicht die Friedfertigkeit der Mehrheit der Muslime den Sieg davon trage, sondern der Fanatismus der wenigen, die in Europa die «fundamentalistische Observanz des Islam» ausbreiteten. Dieser Analyse kann, nein: muss man vorbehaltlos zustimmen. Eine realistische Einschätzung der Situation, für die man dankbar sein darf.
Und was hat Europa, was hat die Mehrheitsgesellschaft mit ihrem «Multikulti-Ideal» der islamischen Kampfansage entgegenzusetzen? Der oft zitierte, selten inhaltlich bestimmte «Wertekanon» hilft hier nicht weiter. «Law and Order» sind zunehmend schwierig durchzusetzen. Und hier wird der lange Leitartikel bemerkenswert schmallippig. Auch vom christlichen Glauben, so Gujer, sei kein Widerstand, keine Hilfe zu erwarten. Denn das «von Schuldkomplexen geplagte Christentum» gehe «allmählich in eine vielleicht finale Schwundform» über.
Ein Beleg für die Schwundform des Christentums? Ich unterrichtete jahrelang Berufsschüler zum Thema «Religion – Religionen». Der Befund: Während die muslimischen Schüler zumindest rudimentär Auskunft über ihre Religion geben konnten und spürbar interessiert an der Frage waren, was es bedeutet, eine praxis pietatis auszuüben, herrschte beim Rest der Schülerschaft Stillschweigen – mit ganz wenigen Ausnahmen von Christen, die wussten, dass es die Bibel gibt.
In einigen Seelsorgegesprächen, die ich als Spitalpfarrer mit muslimischen Patientinnen und Patienten führte, wurde mir eines klar: Man kann ihnen nicht verargen, dass sie das möglichst grenzenlose «anything goes» hierzulande nicht besonders attraktiv, sondern eher abstoßend empfinden. Auch der maßlose Konsumismus vermag solche ernsthaften und dem Nachdenken zugeneigten Menschen nicht zu überzeugen. Sie möchten sich nicht zu Tode amüsieren. Das Leben als Dauerparty mit Drogen, Sex und sinnfreier Zerstreuung? Ständige Unterhaltung und Ablenkung, weil das gewöhnliche Leben als unerträglich empfunden wird?
Wer alles das nicht für begehrenswert und sinnvoll erachtet, wer dagegen Sinn und Geschmack für die Gegenwart des heiligen Gottes hat, die mit der Faktizität des Unheiligen und des Unheils in produktiver Spannung steht, dem will die schrankenlose Säkularisierung und Profanisierung, die Respektlosigkeit und Gleichgültigkeit jedem religiösen Empfinden gegenüber, wie sie in der Hauptströmung westeuropäischer Kultur dominant sind, aber auch die Sprachlosigkeit und Ignoranz der Christen, nach ihrem Glauben gefragt, nicht einleuchten. Eine Kultur, die den Glauben an Gott so sehr marginalisiert und als Fremdkörper zum Fremdschämen betrachtet, als ein Relikt aus der Vergangenheit, das höchstens noch peinlich oder für irgendwelche Hillbillys, die meinen, die Erde sei eine Scheibe, relevant ist, und die den ernsthaft Glaubenden einen Schuldkomplex unterstellt, der muss sich nicht wundern, dass ernsthafte Muslime sich umso stärker mit der eigenen Herkunft und Tradition beschäftigen, wo sie Orientierung und Halt, Hoffnung und Zuversicht zugesagt bekommen, wo sie sich anerkannt und zugehörig fühlen. Dies gilt besonders für junge Leute. Sie neigen in ihrer Lebensphase zu Radikalismus und verengtem Blick, aber auch zu einer großen Sehnsucht nach Gemeinschaft.
Dabei entstehen in der Politik sonderbare Koalitionen: Vor fast genau hundert Jahren wählte Berlin für die Stadtverordnetenversammlung mit 24,6% die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD). Die Nachfolgepartei der KPD hiess SED, dann PDS und heute Die Linke, die 2026 mit 25% die wählerstärkste Partei in Berlin wurde. Deren Spitzenkandidatin Elif Eralp ist die Tochter türkischer Linker, die einst ihre Heimat als politische Flüchtlinge verlassen hatten. Wie kann man mit einer solchen Biographie für eine Partei antreten, deren Vorgängerpartei SED Menschen schikanierte, folterte, gefangennahm und tötete, weil sie politisch anderer Meinung waren? Auch das türkische Militärregime, vor dem Eralps Eltern in den frühen 1980er Jahren nach Deutschland geflohen waren, schreckte vor keinem Terror zurück. Gleichzeitig liest man, dass diese Dame vor altbekannten kommunistisch-sozialistischen politischen Gestaltungsmitteln wie Enteignung, Verstaatlichung etc., die offenbar auch libanesischen Clan-Vertretern gefallen und die man aus der Geschichte bereits kennt, regen Gebrauch machen möchte: also von einer Politik, die die ostdeutschen Städte in Schutt und Asche gelegt hat, was empirisch schlechterdings nicht zu bestreiten ist.
Was sollen wir Christen dem religiös verbrämten politisch-gesellschaftlichen Machtanspruch des Islam ausser «Law and Order» entgegensetzen – als einzelne –, bevor wir uns der finalen Schwundform des christlichen Abendlandes gänzlich anheimgeben? Nichts anderes als die Freiheit eines Christenmenschen, als das öffentliche Bekenntnis zum christlichen Glauben, der den anderen, jeden anderen Menschen, ganz unabhängig von dessen Selbstverständnis, von dessen Herkunft und Religion, als ein von Gott geschaffenes und geliebtes Geschöpf betrachtet und behandelt. Schwer genug! Voraussetzung dazu ist allerdings die Kenntnis des Christentums, der eigenen Tradition und Herkunft. Meine muslimischen Gesprächspartner beklagten, dass man von den sogenannten «Christen» überhaupt nicht erfahre, was denn «christlicher Glaube» beinhalte und ihnen bedeute. Das heisst dann eben für sie: Wir wenden uns für dieses Thema an unsere muslimischen Schwestern und Brüder, an die Moschee. Wie soll ein Gespräch über den Glauben zwischen Muslim und Christ zustande kommen, wenn nicht beide Rechenschaft darüber ablegen können, was «Glaube» für sie heisst? Nur so kann ein echter Dialog entstehen und das gegenseitige Verständnis wachsen.
Was würde wohl ein Durchschnittsleser der NZZ antworten, wenn ihn ein gläubiger Muslim, wie es mir im Beruf, aber auch privat einige Male passierte, fragen würde: Woran glauben Sie? Was bedeutet Ihnen der christliche Glauben konkret? Was heisst das für Sie: Christ zu sein? Ich wäre auf seine Antwort gespannt.
Gujers Verweis auf das von Schuldkomplexen geplagte Christentum ist für den Fragesteller jedenfalls keine Antwort, weil es im Glauben immer um den je eigenen, konkreten Glauben geht, also um die persönliche Existenz vor Gott. Vor Gott gibt es keine neutralen, distanzierten Beobachter, die sozusagen von höherer Warte herab und objektiv über andere urteilen. Vor Gott stehen wir alle nackt und bloss. Auch mit unserer je eigenen Schuld. Aber hinsichtlich der Vergebung der Schuld. Hinsichtlich der unverdienten Gnade Gottes. Hinsichtlich des souveränen Schöpfers, der die armen Gottlosen nicht nur leben lässt, sondern väterlich in seinen Armen hält. Ganz ohne Voraussetzungen, ohne Leistung menschlicherseits. So gehalten, sind Not, Tod und Elend zwar noch immer schwer erträglich und bitter zu beklagen und erfordern Empathie und Sympathie, verlieren aber ihre bestimmende, definierende Macht, haben sie längst und endgültig verloren. Die väterlichen Arme Gottes machen niemanden unmündig und klein und abhängig, sondern befreien zur Freiheit der Kinder Gottes. Wer Gott walten lässt, ist überhaupt erst in der Lage, seine eigenen Arme zu gebrauchen und einzusetzen. Und zwar dem Schöpfungsauftrag gemäss und in Entsprechung zur von Gott verwirklichten Güte der Schöpfung. Erst dann und so kann jeder Kampfansage, wer auch immer sie aussprechen mag, widerstanden und – sanft oder heftig – getrotzt werden.
Eine der drei erhaltenen und für den 15. Sonntag nach Trinitatis am 13. Sept. 2026 komponierten Kantaten von J.S. Bach (1685–1750) beginnt so: «Was Gott tut, das ist wohlgetan» (BWV 99). Dieses Kirchenlied (Nr. 684 im reformierten Gesangbuch der Schweiz, Nr. 372 im evangelischen Gesangbuch Deutschlands, Nr. 549 im römisch-katholischen Gesangbuch der Schweiz) war für Bach damals zeitgenössisch-modern, weil der Dichter Samuel Rodigast, Adjunkt an der Philosophischen Fakultät in Jena, danach Rektor eines Gymnasiums in Berlin, von 1649 bis 1708 lebte. Die beiden hätten sich also begegnen können, was aber, soweit man weiss, nicht der Fall war. Dieses Lied muss Bach besonders angesprochen haben, weil er ihm in seinem Kantatenwerk gleich drei Kantaten widmete: BWV 99, 98 und 100 – so in der zeitlichen Abfolge. Die letzte Choralstrophe, von Bach auch in einer seiner schönsten Kantaten, nämlich «Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen» (BWV 12) als Schlusschoral mit Trompetenüberstimme verwendet, lautet:
Was Gott tut, das ist wohlgetan,
Dabei will ich verbleiben.
Es mag mich auf die rauhe Bahn
Not, Tod und Elend treiben.
So wird Gott mich
Ganz väterlich
In seinen Armen halten;
Drum lass ich ihn nur walten.

