„… damit ich in Christus gefunden werde“

Predigtbild CorinaWelker

Eine Predigt über Phil 3, 7–14 von Corina-Juliane Welker

Corina-Juliane Welker hat bis zum Sommersemester 2026 Religionspädagogik und Kirchliche Bildungsarbeit an der Evangelischen Hochschule Nürnberg studiert. Beim Gottesdienst anlässlich der Bachelorfeier der Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs Religionspädagogik und Kirchliche Bildungsarbeit sowie des Studiengangs Diakonik hielt sie am Freitag, 31. Juli 2026 in der Philippuskirche in Rummelsberg die Predigt.

Predigttext: Philipper 3, 7–14

7 Aber was mir Gewinnn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. 8 Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne 9 und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott kommt durch den Glauben. 10 Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden, 11 damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten. 12 Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. 13 Meine Brüder und Schwestern, ich schätze mich selbst nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, 14 und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

Gnade sei mit Euch von dem, der da war, der da ist und der da kommt.

Liebe Absolventinnen und Absolventen, liebe Familien, liebe Dozierende, liebe Gemeinde!

Gewinnen ist eigentlich etwas Schönes. Einen Preis gewinnen. Ein Spiel. Freunde gewinnen. Erfahrung gewinnen. Oder, wie heute, einen Bachelorabschluss als Gewinn ansehen. Ein Meilenstein. Eine Bereicherung.

Und so ein Bachelorabschluss erzählt etwas über einen Menschen. Von vielen Stunden des Lernens. Von Prüfungen. Von Momenten, in denen man vielleicht dachte: Ich schaff das nie. Ein Bachelorabschluss erzählt von Wissen und Fähigkeiten, die wir erworben haben. Von Freundschaften, die entstanden sind.

Und deshalb wirkt der Predigttext wie eine Provokation. Paulus schreibt: „Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet.“ Und wenige Verse später nennt er das, was ihm früher als Gewinn galt, sogar „Dreck“. Das griechische Wort (skýbala, σκύβαλα) ist eigentlich noch viel derber. Es bezeichnet das, was man wegwirft. Abfall. Unrat. Etwas, das keine Zukunft mehr hat. Fast könnte man meinen Paulus verachtet plötzlich alles, was er in seinem Leben erreicht hat. Und ehrlich gesagt wäre das eine ziemlich merkwürdige Botschaft für eine Bachelorabschlussfeier. Nachher bekommen wir unsere Zeugnisse. Dann kommt Paulus plötzlich um die Ecke und sagt: “Alles Dreck. Weg damit”! Da könnte man sich die Zeugnisvergabe eigentlich gleich sparen. Ich glaube, so meint das Paulus aber nicht. Paulus weiß wahrscheinlich sehr genau, was Leistung und Erfolg bedeuten. Was Gewinn erzielen heißt. Aber irgendwann erkennt er: All diese Dinge beantworten nicht die wichtigsten Fragen seines Lebens.

Natürlich freue ich mich über meinen Bachelortitel. Aber was, wenn ich einmal kein gutes Zeugnis in der Hand halte? Was, wenn irgendwann einmal der Beruf nicht mehr funktionieren sollte? Was, wenn der Erfolg ausbleibt? Wenn ich scheitere? Wenn andere Menschen mich ausgrenzen und sich wohlmöglich von mir distanzieren? Worauf gründet sich dann mein Leben? Als ich über diese Fragen nachgedacht habe, musste ich an ein Bild denken, das ich in der neunten Klasse im Religionsunterricht gemalt habe.

Das Bild entstand im Religionsunterricht der neunten Klasse. Im Mittelpunkt steht ein Satz Dietrich Bonhoeffers: „Wer ich auch bin, Du kennst mich. Dein bin ich, o Gott.“ Die Begriffe ringsum – Geborgenheit, Hoffnung, Freiheit, Liebe, Trost und Halt – begleiten Corina-Juliane Welker bis heute.

Das Bild entstand im Religionsunterricht der neunten Klasse. Im Mittelpunkt steht ein Satz Dietrich Bonhoeffers: „Wer ich auch bin, Du kennst mich. Dein bin ich, o Gott.“ Die Begriffe ringsum – Geborgenheit, Hoffnung, Freiheit, Liebe, Trost und Halt – begleiten Corina-Juliane Welker bis heute.

Damals sollten wir uns mit einem Text von Dietrich Bonhoeffer beschäftigen. In der Mitte des Bildes steht daher der Satz. „Wer ich auch bin, Du kennst mich. Dein bin ich, o Gott.” Rundherum habe ich Wörter geschrieben: Geborgenheit. Hoffnung. Freiheit. Liebe. Trost. Halt. Nie allein. Wenn ich dieses Bild heute anschaue, merke ich: Die Corina aus der neunten Klasse und die Corina heute stehen eigentlich immer noch vor derselben Frage. Wer bin ich vor Gott? Und ich habe diese Frage im Laufe meines Lebens erstaunlich oft über das beantwortet, was ich so vorzuweisen habe. Was kann ich? Was besitze ich? Was habe ich erreicht? Welche Noten habe ich? Welchen Beruf in welcher Position übe ich aus? Bin ich ein guter Mensch? Lebe ich verantwortungsvoll genug? Wir bauen unsere Identität aus vielen kleinen Bausteinen zusammen. Und das ist zunächst einmal überhaupt nichts Schlechtes. Leistung kann etwas Gutes sein. Begabungen sind Geschenke. Wissen ist kostbar. Verantwortung ist wichtig. Leben will gefüllt und gelebt werden. Und ein Bachelorabschluss bleibt ein Grund zur Freude. Das wirft man nicht einfach weg. Und das würde Paulus wohl auch nicht tun. Aber er ordnet es gewissermaßen neu und setzt es in Beziehung zu etwas Größerem. Vielleicht könnte man es wie folgt beschreiben: Im Sonnenlicht verlieren unsere selbst angezündeten Kerzen ihre Bedeutung nicht. Aber sie sind eben nicht mehr die eigentliche Lichtquelle. Und so könnte das auch mit unserem Leben und unseren Gewinnen sein. Sie geben uns nur für eine begrenzte Zeit oder in bestimmten Situationen Orientierung. Aber das Licht, das uns unter allen Umständen den Weg weist, ist Christus. In seinem Wirken, seinem Kreuzestod und in seiner Auferweckung. Christus ist das hellste Licht von allen. Und vielleicht nimmt Christus unseren Kerzen dadurch ihre Leuchtkraft gar nicht, in seinem Licht leuchten sie vielleicht sogar noch viel mehr.

Deshalb schreibt Paulus dann auch den vielleicht wichtigsten Satz dieses Abschnitts:

„…damit ich in Christus gefunden werde.“

In einer Zeit, in der es ständig darum geht, dass ich meinen Weg finden soll und dass ich mich selbst finden soll, fühlt sich dieser Satz entlastend an. Ich glaube ich habe lange Zeit versucht tief in mich hineinzuschauen und mich zu finden. Und dabei habe ich mich zum Teil wohl auch öfter schon verloren. Wirklich gefunden habe ich mich, in dem ich herausgefunden habe, dass ich schon immer von Gott angesehen und erkannt bin. Auch wenn ich nicht genau sagen kann, was dieses Ich eigentlich ist. Ich weiß, dass ich in Gott geborgen und dass ich in Christus gefunden bin.

Meine Identität beginnt nicht damit, dass ich mich endlich selbst verstehe. Dass ich mich durch irgendwelche Dinge selbst vervollständige, selbstoptimiere: Immer höher, immer weiter, immer intensiver und besser.

Selbstentfaltung geschieht für mich jedoch eben nicht in einem leeren von Menschen gebauten Raum. Sondern in einem Raum der Resonanz mit Gott. Vor einem Gott, der mich kennt und mir Freiheit geschenkt hat mich zu entwickeln. Und der mich bei all dieser Freiheit und trotz aller Fehler nicht aufgibt, sondern liebt. Mit allem, was ich bin. Mit allem, was ich in und mit mir trage. Mit all dem Fragmentarischen in mir. All die Erfolge und Enttäuschungen. Hoffnungen und Zweifel. Mut und Angst. Gelungenes und Gescheitertes.

Wir alle sind in gewisser Weise unvollendet. Aber das Evangelium verheißt keine Identität, die wir selbst herstellen müssten. Wir sind von Grund auf von Gott her verstanden und auf ihn ausgerichtet. Und irgendwann werden wir, so glaube ich, durch Christus aufgerichtet. Und Gott löscht dabei unsere Vergangenheit nicht einfach aus oder wirft alles, was nicht gelungen ist auf den Müllhaufen. Wir müssen vielleicht gar nicht vollkommen werden. All die Brüche verschwinden nicht einfach. Heilung könnte bedeuten, dass Christus letztlich all das Chaos in uns neu ordnet und dass die Bruchstücke unseres Lebens wie bunte Glasfenster Licht in jede unversöhnte und kaputte Dunkelheit unserer Seelen durchscheinen lässt.

Paulus schreibt noch von einem Ziel, dem er nachjagt, weil er von Christus ergriffen ist.

Ergriffen sein kann man von vielem. Von Musik, von Schicksalen, von Begegnungen. Und ich kann nach etwas greifen, nach Zielen, nach den Sternen. Ich muss hier spontan an den Greifreflex eines Säuglings denken. Ein kleines Kind greift nach dem Finger einer Bezugsperson. Es klammert sich fest, obwohl es sich nicht zuverlässig selbst tragen oder festhalten könnte. Wir verbringen so viel Zeit damit, irgendwo Halt zu suchen. Wir greifen nach Sicherheit. Nach Erfolg. Nach Anerkennung. Nach Gewissheit.

Manchmal frage ich mich, ob wir Menschen nicht erstaunlich viel Energie darauf verwenden, etwas künstlich am Leben zu halten, das wir um Christi Willen sterben lassen dürften. Als müssten wir uns Selbst retten. Den erfolgreichen Menschen. Den unangreifbaren Menschen. Den Menschen, der immer genügen muss. Dem Tod Christi gleichgestaltet zu werden heißt vielleicht genau dies: Das Alte darf sterben, damit Gott Neues schaffen kann. Das Evangelium kennt keine Zombiechristen, kein künstlich konserviertes Leben. Es kennt Menschen, die durch den Tod hindurch zu neuem Leben auferweckt werden. Gerade dort, wo ich nicht stark genug festhalten kann, hält Christus mich fest. Nicht meine Anstrengung führt zur Annahme. Es ist die Gnade des Ergriffen werdens. Christus hat mich ergriffen.

So muss ich nicht mehr um jeden Preis Ziele erreichen, um angenommen zu sein, denn ich bin längst angenommen. Deshalb werden die Wegpunkte in meinem Leben nicht weniger bedeutsam. Aber sie bleiben Teilziele auf einem Weg, dessen eigentliches Ziel Christus selbst ist. Und dieses Motiv der Bewegung, die ihren Beweggrund in Gott als Ursprung hat, begegnet uns vielfach in der Bibel: Abram geht nicht los, um sich Gottes Segen zu verdienen. Er geht los, weil Gott ihn bereits gesegnet hat. Israel wird zuerst aus Ägypten befreit und erhält danach das Gesetz. Die Jünger*innen werden berufen und folgen danach Jesus.

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf das Bild aus meiner neunten Klasse zurückkommen. Ganz unten steht dort nämlich noch etwas: „Durch dich bin ich.“ Damals konnte ich diesen Satz noch nicht erklären. Heute glaube ich, dass Paulus genau davon spricht. Ich bin nicht allein, was ich leiste. Ich bin nicht allein, was andere über mich denken. Ich bin nicht nur die Summe meiner Erfolge oder meines Scheiterns. Sondern: Durch Dich bin ich.

Heute feiern wir einen Abschluss. Aber wir feiern nicht das Ende unseres Weges. Wir müssen heute nicht fertig sein. Wir müssen nicht schon alles wissen. Wir müssen nicht schon die Menschen geworden sein, die wir einmal sein werden. Wir dürfen weiterlernen. Weiterfragen. Weiterzweifeln. Weiterwachsen. Wir leben aus einem Wert, der uns längst zugesprochen wurde und der uns ermutigt in das zu gehen, was vor uns liegt. Nicht, weil wir alles im Griff hätten. Sondern weil wir wissen, dass wir gehalten sind.

Und das ist vielleicht einer der Hauptgewinne: Nicht, dass wir Christus gefunden hätten. Sondern dass Christus uns gefunden hat. Nicht, dass wir ihn ergriffen hätten. Sondern dass er uns ergriffen hat. Durch dich sind wir, oh Gott. Und deshalb dürfen wir werden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus, Jesus. Amen

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