Gottfried Claß
„Suchet der Stadt Bestes!“
Predigt über Jeremia 29,1.4–7.10–14
am 21. Sonntag nach Trinitatis – 25.10.2026
Wir leben in krisengeschüttelten Zeiten, liebe Gemeinde. Innere Stärke, Resilienz ist gefragt – wie selten zuvor. Doch was gibt uns Kraft, in dieser Krise zu bestehen? Dass wir nicht resignieren und verbittern oder zynisch werden. Dass wir nicht den falschen Leuten nachlaufen, die Illusionen als Hoffnung verkaufen. Da kommt unser heutiger Predigttext gerade recht. Es ist ein Brief an schwer gebeutelte Menschen. Der Prophet Jeremia schreibt ihn an seine Landsleute, die aus Israel nach Babylon verschleppt worden sind – und dort im Unglück festsitzen.
1 Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte – 4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: 5 Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; 6 nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. 7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.
10 Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. 11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.[1] 12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. 13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, 14 so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.
I. Der Tiefschlag
Was passiert, als der Brief unter den Exilierten verlesen wird? Die Stimmung kippt an einer Stelle. Als Jeremia schreibt: „Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind…“. „Siebzig Jahre soll das Exil dauern – das kann, das darf nicht wahr sein!!!“ Eine niederschmetternde Nachricht.
Denn hier in der Fremde sind sie abgeschnitten von allem, was ihnen lieb und heilig ist. Von Jerusalem, vom Tempel. Dort wohnt ihr Gott. Dort erhört er Gebete. Dort ist die Luft voller Gesang. Dort erzählt jeder Stein eine andere Geschichte Gottes mit seinem Volk. – Aber hier in Babylon sind sie von Gott verlassen – und von allem, was das Leben lebenswert macht.
In solchen Krisenzeiten treten regelmäßig falsche Propheten auf. So auch in Babylon. Und sie finden Gehör. Denn sie verkünden, was die Menschen hören wollen: „Bald ist alles wieder wie früher. In Kürze kehrt ihr nach Israel zurück. Gott meint es gar nicht so ernst mit seinem Gericht.“
Doch Jeremia muss – im Auftrag Gottes – diesen Traum als trügerisch entlarven. Eine bittere Wahrheit! Es schneidet ihm ins eigene Herz, seinen Brüdern und Schwestern in Babylon sagen zu müssen: „Klammert euch nicht an Illusionen. Seht der Realität nüchtern ins Auge. Ihr werdet auf lange Zeit in Babylon leben müssen. Stellt euch darauf ein!“
Unsere Ausgangsfrage war: Was gibt uns innere Stärke?
Eine erste Antwort: Wenn wir im Netz von Täuschungen und Illusionen gefangen sind, muss – so schmerzlich das ist! – dieses Netz erst zerrissen werden. Manchmal erleben wir, dass plötzlich nichts mehr so ist wie früher:
- wenn sich die befürchtete Diagnose beim Arzt bestätigt;
- wenn ein geliebter Mensch uns genommen wird;
- wenn mein Arbeitsplatz, der so sicher schien, plötzlich gefährdet ist.
Solche und ähnliche Erfahrungen berauben uns jäh und brutal unseres vertrauten Lebens. Wir stehen wie vor einer schwarzen Wand. Wie sehnt man sich nach der Wunschfee oder dem Schönwetterpropheten! Dass jemand kommt und sagt: Die dunkle Wolke zieht schnell vorüber. Bald scheint wieder die Sonne. Bald ist alles wieder wie früher. – Aber es ist eben nicht schon bald alles wieder wie früher. Wir müssen uns auf die veränderte Lage einstellen.
II. Die Überraschung
Wir können uns leicht ausmalen, wie sich die Menschen litaneiartig in ihrem Unglück bestätigt und bestärkt haben: „Hier ist alles nur schrecklich! Hier ist jeder Tag ein verlorener Tag. Hier haben wir keinerlei Verbindung mit Gott…“
Doch mitten in ihre Verzweiflung hinein dann die Nachricht, die sie aufhorchen lässt. Gott sagt ihnen durch seinen Propheten: „Hört her, auch hier in Babylon bin ich da. Auch hier in der Fremde könnt ihr mit mir rechnen. Lasst den Kopf nicht hängen. Ihr seid nicht allein. Schaut hinauf. Erhebt eure Hände. Betet! Ich höre euch.“ Das ist die umstürzende Entdeckung, an die Jeremia seine Landsleute heranführen will. Dass sie erkennen: Gott ist viel größer, sein Arm reicht viel weiter, als sie es sich bisher vorstellen konnten. Er sucht und findet sie auch im babylonischen Exil.
Liebe Gemeinde, das zu glauben ist schwer. Wenn Trauer und Schmerz unser Herz gefangen halten. Wenn die Krisennachrichten uns Angst einjagen. Wenn wir schwere Zeiten durchleben. Auch dann will Gott für uns da sein, sich von uns finden lassen? Kann das wahr sein?
In dem Brief heißt es: Ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. 13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, 14 so will ich mich von euch finden lassen.
Wie gewinnen wir innere Stärke? Hier die zweite Antwort: „Überlasst euch nicht dem Frust. Verliert euch nicht in Dauerempörung. Die schwächen euch nur! Sondern sucht und fragt beharrlich nach Gott. Klagt ihm eure Not. Gebt seinen Worten in euch Raum. Sucht nach Spuren seiner Gegenwart.“
Liebe Gemeinde, Glaube ist also beides: Glaube ist Geschenk und – Glaube ist auch Übung. Gott lässt Jeremia ausrichten, dass er sie schon gefunden hat – auch am fremden Ort. Aber nun sollen sie auch ihrerseits nach ihm fragen, ihn suchen und finden. M.a.W. Gottes Herz ist schon da und nun will er noch ihres. Diese Spannung, die da drinsteckt, ist nicht aufzulösen.
So legt Jeremia auch uns ans Herz, dass wir gerade auch in Krisenzeiten nicht aufhören, den zu suchen, der uns schon gefunden hat.
III. Das Versprechen
Gibt es für uns irgendeine Zukunft, fragen die Israeliten in Babylon. Gibt es Hoffnung, so fragen wir in den Krisen der Gegenwart. Gott hört diese Frage. Gott hört die Bedrängnis, die dahintersteht. Und er lässt die nach Babylon Verbannten, er lässt uns nicht ohne Antwort: Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.
Was für ein Versprechen! Ein Gegenwort, eine Gegenmacht gegen alles, was uns lähmen, in die Verzweiflung treiben will. Es gibt die Krisen und gefährlichen Entwicklungen, wer wollte sie leugnen. Aber es gibt auch diesen Gott, der diese Welt nicht abschreibt und dessen Möglichkeiten die unseren weit übersteigen.
Gibt es Hoffnung? Ja! Weil Gott Gedanken des Friedens und nicht des Leides über uns hat.
Das verändert unsere Zukunftsaussichten von Grund auf. Die gewissenlosen Machthaber und Menschenverächter werden am Ende nicht triumphieren. Dummheit und Gewalt haben letztlich keine Zukunft; sie werden vergehen. Alles Leid ist von Gott begrenzt. Und es kommt der Tag, da werden alle Tränen getrocknet werden. Und unsere Trauer wird in Freude verwandelt werden.
Wie gewinnen wir innere Stärke? Die dritte Antwort: „Lasst diese Hoffnung in euch groß werden.“
IV. Die Zumutung
Es ist beinahe therapeutisch, was Gott seinem Volk ausrichten lässt: Pflanzt Gärten, daraus ihr die Früchte essen mögt. Mit den Händen sollen sie pflanzen, damit das Herz besser begreifen kann: Es gibt auch hier in Babylon fruchtbares, erfülltes Leben. Es gibt Wurzeln in Entwurzelung. Gärten in der Wüste. Trostquellen mitten in der Trostlosigkeit.
Wenn Gott auch hier in Babylon da ist und sich von ihnen finden lässt, dann brauchen sie nicht länger an den Wassern zu Babylon sitzen und Trübsal blasen. Nein, dann haben sie Grund, die Harfen von den Weiden zu nehmen und wieder anzufangen zu singen.
70 Jahre – da wachsen Kinder heran und Enkel. Das sind mindestens drei Generationen. Für drei Generationen kann ein festes Haus gebaut werden. Mit mehr als einem Apfelbaum. Es wird 70 Erntefeste geben. Gräber werden zu pflegen sein und Hochzeiten zu feiern. In 70 Jahren wird auch die so abweisende Fremde ein Stück Heimat werden.
Liebe Gemeinde, das ist nun auch denen zugesagt, die schmerzliche Einbrüche und Verluste zu verkraften haben: Jenseits der Enttäuschung wartet auf euch – Leben! Denn Gott hat Gedanken des Friedens und nicht des Leides über euch. Vielleicht ist es jetzt noch ganz unvorstellbar, dass auf dem Acker eures Lebens wieder etwas wächst. Aber ihr dürft anfangen, ihn neu zu bestellen. Und eines Tages werdet ihr euch verwundert die Augen reiben: Da ist ja wieder etwas gewachsen! Da ist tatsächlich neues Leben aufgeblüht!
Zurück zum Brief. Er enthält noch weitere Zumutungen: „Suchet der Stadt Bestes!“ Wörtlich: „Suchet den Schalom, den Frieden, das Gemeinwohl der Stadt.“ Was verlangt Gott da? Die Babylonier, das sind doch die Feinde. Aber hier wird es konkret. „Überwindet das Böse mit Gutem!“ Jeremia macht Feindesliebe ganz praktisch. Sie beginnt mit dem Gebet. Seine jüdischen Geschwister sollen im Exil beten für das Wohl der Stadt, in der sie leben, für das Wohl des Landes, in das sie verschleppt wurden. Das Gebet für den Feind kann verhärtete Fronten in Bewegung bringen. Wer es wert ist, Gott ans Herz gelegt zu werden, ist der es nicht auch wert, angesehen zu werden?!
„Suchet der Stadt Bestes!“ – was heißt das für uns in der gegenwärtigen Situation? Für uns als Christinnen und Christen. Zurzeit ist es chic, Deutschland in Grund und Boden zu schreiben, alles schlecht zu reden, sich daran zu ergötzen, wie schrecklich bei uns alles ist. Doch wer nur meckert, wer nur kritisiert und ablästert, der verweigert die Verantwortung. „Die anderen sollen liefern: die Schule und die Politik und der Staat. Ich kann da nichts machen. Ich bin da ‚raus.“ „Nein!“, sagt Jeremia, „Sucht alle der Stadt Bestes. Jede zählt. Auf jeden kommt es an. Deine Haltung ist wichtig. Deine Bereitschaft ist gefragt. Achtet auf eure Worte. Kommt heraus aus euren endlosen Empörungsschleifen. Erzählt auch gute Geschichten, die die Zuversicht stärken. Lasst eure Tage davon erfüllt sein, dass Gott Gedanken des Friedens und nicht des Leides über uns hat. Und lasst die Menschen spüren, dass ihr von einer größeren Hoffnung lebt.“
Wie ging die Geschichte damals zu Ende? Es gab 50 Jahre später tatsächlich die Chance zur Rückkehr. Die Perser hatten die Babylonier besiegt. Und der persische König gestattete den überlebenden Israeliten, in ihr Land zurückzukehren. Das war nicht der Triumphzug, von dem sie geträumt hatten. Das war beschwerlich und mühsam. Vieles lag zuhause noch in Trümmern. Aber tatsächlich, 70 Jahre nach der Zerstörung, nach der Deportation ins babylonische Exil, konnte der neue Tempel in Jerusalem eingeweiht werden. Es hatte sich bewahrheitet, was Jeremia ihnen im Namen Gottes geschrieben hatte: Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Die Zukunft, die dann kam, war längst nicht immer rosig. Aber viele der Nachkommen der Menschen, die damals diesen Brief des Jeremia hörten, verlassen sich bis heute auf Gott und sein Versprechen. Und wir können es auch.
Amen.

